Walter erinnert sich, Teil IV

Kapitel 33 “Walter erinnert sich Teil IV”

Gemeinsam gingen sie in den angrenzenden Speisesaal, und Sandra erzählte ihm später, wie sie den Gedanken genossen hatte, ihr kleines Geheimnis bis zu Letzt bewahrt zu haben. Natürlich war der Preis für die ganze Sache hoch, den das ganze Hotel war gut geheizt, und die meisten Gäste, die am ersten Abend im Club noch ihre Wintergarderobe vorgeführt hatten, mit Angora, Mohair, Norwegerpullover und sogar Ponchos aus Islandwolle, waren ab dem zweiten Abend nur mehr in Poloshirt oder lässigem Sporthemd erschienen, den der Kamin in der Bar und die nahe Küche neben dem Restaurant sorgten für ein fast sommerliches Klima in den Räumen rund um die große Lobby. Viele Gäste verzichtete sogar auf Jacken und Mäntel, um den kurzen Weg von ihrem Apartment oder Bungalow zum Haupthaus zu überwinden, obwohl man dabei in jeden Fall kurz ins Freie musste. Doch der kurze Wechsel, der Nachts einen Temperaturunterschied von 40 Grad bedeuten konnte (von plus 25 auf minus 15 Grad) erschien den meisten als eine willkommene Abkühlung. Ein Genuss, der Sandra bisher – und speziell an diesem Abend – nicht vergönnt war.

Daher war es nicht weiter verwunderlich, dass fast alle im Restaurant anwesende Gäste das ungleiche Paar mehr oder weniger verstohlen beobachteten. Einigen war schon an den vorher gegangenen Abenden aufgefallen, dass Sandra stets von Kopf bis Fuß in Wolle gekleidet bei Tisch erschienen war, doch da sie zumindest keine Schals, Balaclavas oder Handschuhe getragen hatte, und bei ihrer schlanken Figur selbst eine zweite Wollschicht kaum auffiel, was es noch kein echtes Thema geworden. An diesem Abend gab es jedoch kaum einen Tisch, an dem Sandras Outfit nicht erwähnt worden wäre. Obwohl Sandra fast permanent zu Boden blickte, und sich von Walter zum Tisch führen ließ, spürte sie die neugierigen Blicke förmlich auf der Haut, doch sie hatte sich zu diesem Beweis ihrer Reue entschlossen, und gedachte ihn auch konsequent zu Ende zu bringen.

Der Kellner wartete, ob sie einen Aperitif bestellen würden, und genoss dabei den Vorzug, Sandra aus nächster Nähe ungeniert beobachten zu können. Nachdem Walter ein weiteres Bier für sich, und einen Martini für Sandra bestellt hatte, meinte er in fast beiläufigem Ton “Ich denke, du könntest den Schal jetzt über den Sessel legen. Ich werde es dich schon wissen lassen, wenn ich ihn noch für angebracht halte. Zum Beispiel, wenn du vorlaut wirst oder so”. Mit diesem spöttischen Nachsatz, so wusste Walter, forderte er seine Frau immer wieder heraus, sich möglichst nahe an die Grenze zwischen neckischem Geplänkel und respektlosem Benehmen zu wagen. Das Prickeln, ob die Grenze überschritten würde, und welche folgen das haben würde, war ein Spiel, nein eigentlich mehr ein erotischer Kampf, den sie schon seit Jahren austrugen. Sandra war Siegerin, wenn ihre Antworten schlagfertig, vielleicht sogar zweideutig waren, die Doppelbedeutung jedoch eine harmlose Interpretation ihrer kleinen Frechheiten zuließ. Da Walter stets auf Gerechtigkeit achtete, und er den amerikanischen Grundsatz “im Zweifel FÜR die Angeklagte” eisern befolgte, konnte sie ihm immer wieder mal durch die Maschen seiner Regeln und Vorschriften schlüpfen, und freute sich diebisch, sobald es ihr gelungen war. Umgekehrt genoss es Walter, wenn er ihr, wie ein gewitzter Staatsanwalt, ein Vergehen nachweisen konnte, da er gleichzeitig ja auch der Richter war, und die Strafe, ohne grausam oder sadistisch zu sein, natürlich stets mit Wollkleidung zu tun hatte.

An diesem Abend hatte jedoch Sandra das Urteil selbst gesprochen, und ihre Strafe bestimmt, und das hatte es für sie unendlich schwer gemacht. Sich gegenüber Walter mit schlauen  Argumenten und unschuldigem Augenaufschlag zu verteidigen, war eine Sache, und obwohl er all ihre Tricks kannte, gelang es ihr meist, ihn zumindest milde zu stimmen, wenn sie auch selten ganz “ungeschoren”, oder besser, unverpackt davonkam. Diesmal aber war sie selbst nicht nur die Angeklagte, und Verteidiger, sonder auch der Staatsanwalt und Richter gewesen, und wie hätte sie sich da herausmogeln können?

Durch diese Situation fiel es ihr schwer, auf seine Herausforderung zu reagieren, zudem sie sich ohnedies schon beim Kamin “den Mund verbrannt” hatte, und einen Moment lang fürchtete, ihre Bemerkung würde ihr den Platz am Kamingitter bescheren. Die zusätzliche Hitze, die diese Befürchtung in ihr hatte hochsteigen lassen, war eine deutliche Warnung gewesen, und so bedankte sie sich mit einem leisen “Danke, Sir”, ließ den Wollschal von den Schultern gleiten und war froh, als die Drinks serviert wurden, und sie etwas zum Spielen in der Hand hatte. Nachdem sie getrunken hatten, und Sandra das Glas durch die dicken Handschuhe etwas ungeschickt abgestellt hatte, meinte Walter, während er ihr direkt in die Augen schaute. “Ich finde, du solltest jetzt auch die Handschuhe ausziehen, bevor dir noch dein Glas aus den Fingern rutscht, meinst du nicht auch?” “Danke, Sir, aber ich denke, ich lasse sie besser, wo sie sind” “Wie willst du denn dann essen, mein Schatz?” fragte er erneut leicht spöttisch, “wo du doch so gern mit deinen diebischen Pfoten meine Pommes vom Teller klaust? Ich sag dir gleich, mit weißen Handschuhen lasse ich dich nicht in die Nähe vom meinem Steak!” “Dann werde ich eben etwas anderes essen müssen, Sir, denn meine Handschuhe kann ich heute nicht ausziehen”. Walter war erstaunt, den er kannte die Angorahandschuhe mit den flauschigen Manschetten, und die hatten keine verstecken Schnallen, die ein Abstreifen verhindern würden. “Du meinst also, ich könnte deine Hand jetzt nicht nehmen, ..” mit diesen Worten griff Walter über den Tisch, und legte seine kräftigen Finger zart auf Sandras weiße Wollhand “ .. und dich von diesem Teil deiner Strafe befreien?” “Natürlich könntest du mir die Angorahandschuhe ausziehen, aber damit wären meine Hände nicht frei von Wolle. Wenn du mich nicht noch als Strafverschärfung blamieren willst, würde ich diese Handschuhe gern anlassen, den aus dem “Darunter” kannst du mich hier beim besten Willen nicht befreien. 

Walter ahnte sofort, was das bedeuten musste. Sandra trug ein zweites Paar Handschuhe, und wenn es unmöglich war, sie hier und jetzt daraus zu befreien, hieß das, dass sie an einem Pullover angestrickt waren. Und dazu fiel im spontan ihr hellgrauer Catsuit aus weicher Lambswool/Angoramischung ein. Doch der hatte auch eine Kapuze, die einen praktisch gleich großen Gesichtsauschnitt hatte, wie die weiße Balaclava, die sie trug. Doch, DAS wäre auch eine Erklärung für das zusätzliche Stirnband, das sie trug, und das ursprünglich ja nicht ZUR Haube, sondern als Alternative gedacht war. Wenn man allerdings beides zusammen verwendete, könnte man damit den grauen Rand einer zweiten Kapuze perfekt verbergen.

Langsam wurde Walter ungeduldig. Sandra hatte die Spielregeln geändert. Normalerweise entschied Sieg oder Niederlage in ihrem Geplänkel über ihre Kleidung, doch diesmal stand das Outfit schon fest, und Sieger wurde, wer erfuhr - oder eben erfolgreich verbarg - wie das Ergebnis ausgefallen war. Anstelle die Speisekarte zu studieren, beobachtete er seine Frau über den Rand der Karte hinweg, und überlegte, wie er dieses Spiel gewinne konnte.