Walter erinnert sich, Teil II

Kapitel 31 “Walter erinnert sich Teil II”

Leise, ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Walter auf ein Sofa genau hinter seiner Frau, und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Flasche. Er war etwa knapp zwei Meter hinter Sandra, und trotzdem konnte er die Hitze der glühenden Holzscheite im Kamin spüren. Er beobachtete sie eine Weile, und versuchte zu erraten, was sich unter dem großen dunkelroten Mohairtuch verbergen würde, das sie über den Kopf und eng an den Körper gezogen hatte. Da der Schal so groß war, dass er wie ein Cape getragen werden konnte, reichte er vom Kopf bis zu den Kniekehlen, und da sie knapp an der Sofalehne stand, konnte Walter ihre Beine nicht sehen.

Als er sie ansprach, war ihr sofort klar, wer hinter ihr saß, denn sie kannte und liebte seine tiefe Stimme. Niemand sonst hätte sie nur mit einem leisen “bist du schon lange hier?” angesprochen, und Walter war verwundert, dass Sandra ihm antwortete, ohne auch nur den Kopf zu wenden. “Ich weiß es nicht genau, Sir, die Bar hatte gerade erst geöffnet als ich herkam." Walter sah auf die Uhr, und da die Bar um 5:00 pm aufsperrte, und es 20 Minuten nach 6 Uhr war, musste Sandra bereits seit mehr als einer Stunde vor dem Kamin stehen, und da dieser schon geheizt wurde, bevor die Gäste kamen, hatte sie die ganze Zeit diese Glut vor Augen gehabt. “Komm zu mir, ich möchte mit dir reden” sagte Walter mit ruhiger und freundlicher Stimme. “Wenn du erlaubst, möchte ich lieber hier bleiben, Sir” antwortete Sandra mit gesenktem Kopf, den Schal noch fester um den Körper ziehend. “Ich mag es aber nicht, wenn ich bei einem Gespräch zu dir aufblicken muss, und ich sitze hier recht bequem”. Ohne ihren Platz zu verlassen, drehte sich Sandra zur Seite, so dass Walter ihr Profil sehen konnte, ließ sich langsam und graziös neben dem Sofa auf die Knie sinken und erwiderte “Ich möchte nicht ungehorsam sein, Sir, aber ich glaube, dass mein Platz hier neben dem Kamin sein sollte. Dabei hielt Sandra den Blick noch immer zu Boden gerichtet, und war nun von dem Wollschal vollkommen verhüllt. “Sieh mich an” verlangte Walter in sanftem Ton, denn er war beeindruckt von Sandras Bereitschaft, sich Selbst zu bestrafen, denn etwas anderes als Strafe konnte der Platz, den sie gewählt hatte, in dem Outfit, dessen Strenge er noch immer nicht erahnen konnte, nicht sein.

Andere Gäste in der Bar waren fasziniert von den Ereignissen, die sich neben dem flackernden Kaminfeuer abspielten, wagten es aber nicht, näher zu kommen oder sich gar auf eines der Sofas zu setzen. Langsam drehte Sandra den Kopf und blickte ihren Master mit großen dunklen Augen an. Genau dieser Blick war es gewesen, der in Walter die Erinnerungen geweckt hatte. Genau der gleiche Ausdruck lag auf Sandras Gesicht, als sie heute Morgen in der Küche auf die Knie gesunken war, und stumm auf Anweisungen gewartet hatte. Er erinnerte sich an ihre roten Wangen, die mit dem Feuer um die wette glühten, so als ob sie gerade aus einer eiskalten Nacht ins Warme gekommen wäre, und an die nassen dunklen Haarsträhnen, die auf ihrer Stirn neben einigen Schweißperlen glänzten. Walter sah, dass sie unter dem dunkelroten Wolltuch aus schwerer Mohairwolle eine Balaclava aus flauschiger weißer Angorawolle trug, die in einem hohen Rollkragen aus der gleichen Angorawolle verschwand und nur ihr Gesicht unbedeckt ließ. Er erkannte den Rollkragen als Teil eines Angora-Ensembles, dass er ihr letztes Jahr geschenkt hatte, und dass insgesamt aus sechs Teilen bestand. Neben der Haube und dem bis über die Hüften reichenden Pullover dessen Kragen ihm heute noch voluminöser erschien, als er ihn in Erinnerung hatte, gab es noch einen bodenlangen Strickrock, eine Leggins, einen Strickmantel und Handschuhe, alles aus der gleichen flauschigen und zugleich dicken Angorawolle.

Walter war bereits von dem Kontrast des dunkelroten Wolltuches mit dem in weißer Angorawolle umrahmten Gesicht hingerissen. Doch sollte seine Frau etwa trotz der Hitze beim Kamin das ganze Set angezogen haben? Und konnte der Rollkragen nur wegen der Balaclava darunter so dick sein? Der Kragen ging bis hart unters Kinn, war also nicht öfters umgeschlagen als gewöhnlich. Er versucht in ihren dunklen Augen zu lesen, doch er konnte nur Liebe, Vertrauen und Demut erkennen, und so fragte er sich, wie weit sie wohl gegangen war?