Walter erinnert sich, Teil I

Kapitel 30 “Walter erinnert sich Teil I”

Während Walter den beiden Frauen nachblickte, wie sie die Treppe hinauf gingen, und dabei bemerkte, wie schwer sich Sandra bei jeder Stufe mit dem engen Rock tat, trieben seine Gedanken zu früheren Erlebnissen, bei denen sich Sandra ähnlich devot wie eben verhalten hatte. Als eine besonders schöne Erinnerung fiel ihm da ihr gemeinsamer Winterurlaub in Aspen, Colorado ein. Es war erst im letzten Dezember gewesen, und trotzdem schien es ihm eine Ewigkeit her zu sein. Erwar ein leidenschaftlicher Schifahrer, und konnte es jedes Jahr kaum erwarten, wenn die Saison begann. Natürlich musste er sich selbst eingestehen, dass es neben dem sportlichen Aspekt auch der Anblick hübsch gekleideter junger Damen war, der ihn so für den Wintersport begeisterte. Neben dem Outfit auf der Piste war es vor allem der Apres-Ski und die Abende im Restaurant, bei dem die eine oder andere (offensichtlich freiwillig) zur “Wollmaus” wurde, und sogar im Kaminzimmer oder in der Disco konnte er Musterbeispiele für hübsche Wollverpackungen beobachten. Nicht, dass er seiner Frau dabei nicht treu gewesen wäre, er genoss lediglich den Anblick und zudem war es natürlich absolut unauffällig, seine Sandra in entsprechendem Outfit in der Öffentlichkeit zu beobachten.

Obwohl sie sich Mühe gab, war sie keine besonders gute Schifahrerin, und obwohl sie sehr sportlich war, fehlte ihr jene Leichtigkeit, die man nur dann erwirbt, wenn man schon als Kind mit dem Schilauf beginnt. Dafür war sie für jeden Spaß im Schnee zu haben, und liebte lange Spaziergänge in verschneiter Winterlandschaft. Natürlich war Walter klar, dass - als Pendant zu seiner Begründung, Sandras Vorliebe für Winterspaziergänge auch daraus resultierte, dass sie die von ihm geforderten Wollsachen leichter (er)trug. Sie war zwar bereit, seine Wünsche bei jeder Witterung zu erfüllen, aber es war ihr im Sommer immer noch peinlich, als Einzige in dicken Wollsachen herumlaufen zu müssen. Hingegen sah ihr Outfit im Winter einfach völlig normal aus, selbst wenn die Anzahl Schichten dann erneut weit über dem Durchschnitt lag.

Besonders an einen Abend erinnerte er sich gerne, denn da hatte sie ihn aus eigenem Antrieb mit einer ganz besonderen Idee überrascht. Nach dem Mittagessen hatten sie einen kleinen Streit gehabt, da Walter Sandra unbedingt die Aussicht vom Gipfel aus zeigen wollte, und sie nur bereit dazu war, wenn sie dann zumindest bis zur Mittelstation mit der Gondel ins Tal fahren konnte. Das wiederum erschien Walter angesichts der gut präparierten Pisten übertrieben ängstlich, und so ergab ein Wort das Andere, bis sich Sandra in ziemlich schnappigem Ton überhaupt weigerte, ihre Schi an diesem Nachmittag anzuschnallen. Walter war darauf verärgert gewesen, und verließ das Restaurant mit den Worten "Dann eben bis zum Abendessen", wodurch er ihr zu verstehen gab, dass er keinerlei Anweisungen oder Wünsche für ihr Abendoutfit abgeben würde. Später hatte sie ihm gebeichtet, dass sie ihren Trotz und vor allem ihren Ton schon bereut hatte, kaum dass Walter das Restaurant verlassen hatte, aber sie konnte sich nicht schnell genug entscheiden, ihm nachzulaufen, und als sie es schließlich doch tat, und sich entschuldigen wollte, war er bereits verschwunden. Sandra war in ihr luxuriöses Apartment zurückgekehrt, dass mit Blick auf die Berge direkt neben dem dazugehörigen Clubhaus lag, hatte ihre Schikleidung abgelegt, und sich in der warmen Wollkleidung, die sie natürlich darunter getragen hatte, aufs Bett gelegt.

Den ganzen Nachmittag überlegte sie, wie sie sich für ihr Verhalten am besten entschuldigen könnte. Als Walter genug vom Schilaufen hatte, kehrte er ins Apartment zurück, und war etwas erstaunt, Sandra nicht vorzufinden. Stattdessen lag ein Zettel auf dem Bett, auf dem sie mit kurzen Worten mitteilte, sie würde im Clubhaus auf ihn und das Abendessen warten. Walter nahm ein Bad, zog eine bequeme Cordhose und Flanellhemd an, und ging, als es Zeit für einen Drink vor dem Dinner wurde, hinüber ins Haupthaus. Als er an der hell erleuchteten Rezeption vorbei zur Bar kam, musste er sich zuerst an die etwas schummrige Beleuchtung gewöhnen. Der Raum war groß und L-förmig gebaut, die Einrichtung war im Country-Stil mit viel Holz und Leder ausgestattet. Gleich rechts neben dem Eingang war eine langgestreckte Eichenholz-Bar mit einer Reihe dunkelgrüner Lederhockern, die ein wenig an Indianertrommeln erinnerten. Links waren bequeme, tiefe Clubsessel aus dem gleichen Leder, mit kleinen runden Tischchen auf denen Schälchen mit Nüssen standen. Im hinteren Teil des Raumes, der sich entlang einiger schwerer dunkler Eichenholzpfeiler im rechten Winkel nach links fortsetzte, war ein riesiger Eck-Kamin, mit den obligaten Fellen davor, sowie einigen im großen Halbkreis um den Kamin angeordneter Ledersofas. Der Abstand der Sofas, auf denen bunte Indianerdecken lagen, zum Kamin war nicht umsonst sehr groß gehalten, denn jeden Abend prasselte ein mächtiges Feuer im Kamin, das dem Raum in ein angenehmes Licht hüllte, gleichzeitig aber auch eine enorme Hitze abgab. Vom Eingang aus konnte man den Kamin nicht sofort sehen, wohl aber sah man den Schimmer des Feuers in den Flaschen und Gläsern hinter der Bar.

Walter erinnerte sich an leichten Zorn, der hochstieg, als er sich an die Lichtverhältnisse einigermaßen gewöhnt hatte, und Sandra trotzdem nicht entdecken konnte. Der Barkeeper nickte ihm zu, und hob eine Flasche Budweiser, die der Gast, wie er wusste, immer nach dem Sport verlangte. Walter bestätigte mit einem Nicken, verbunden mit einem fragenden und suchenden Blick. Der Barkeeper verstand sofort, vor allem, da er das Paar schon öfters beobachtet hatte, und heute offensichtlich etwas besonderes los war. Mit einer Kopfbewegung deutete er in Richtung Kamin, den er von seiner Position hinter den Tresen sehen konnte. Walter nahm die Flasche vom Tresen, und ging langsam tiefer in den Raum.

Jetzt verstand er, warum er seine Frau nicht sofort entdeckt hatte. Sie stand reglos neben einem der Sofas, keinen Meter vom Funkengitter des Kamins entfernt, mit dem Gesicht zum Feuer gewand. Walter konnte Sandra zwar nicht direkt erkennen, doch da er das schwere dunkelrote Schultertuch, das die Gestalt bis über den Kopf gezogen hatte, sofort erkannte, und es kaum einen zweiten Gast gab, der vollkommen in dicke dunkle Wolle gehüllt, unmittelbar vor der Glut des Kamins ausharren würde, war ihm klar, was Sandra ihm damit zeigen wollte. Sofort war sein Zorn verflogen, und er näherte sich seiner Frau, voller Neugier und Spannung, welcher Kleidung sie unter dem übergroßen Wollschal noch verbergen würde.