Maria

Kapitel 45 „Maria“

An diesem Morgen war Sandra als erste wach, und sie beeilte sich, um Frühstück zu machen. Walter genoss es sichtlich, wieder mit seiner Frau gemeinsam zu frühstücken, und als er ins Büro fuhr, bat er Sandra, sich nach dem Gespräch mit Maria bei ihm zu melden, damit er, für den Fall, dass das Mädchen nicht entsprach, neue Personen ausfindig machen konnte.

Sandra hatte sich für das Frühstück einen leichten dunkelblauen Strickrock angezogen, dazu eine dunkelblaue Flauschstrumpfhose, sowie einen blau-weiß gestreiften Rolli aus leichtem Garn zusammen mit einer leichten Strickjacke aus Merinowolle, die sie allerdings nur über die Schultern gelegt hatte. Walters Blick hatte Zufriedenheit ausgedrückt, als sie ihm in diesem Outfit den Kaffee servierte, und so beschloss sie, die Sachen vorläufig anzubehalten. Das Haus war soweit tiptop, das bisschen Frühstücksgeschirr und die beiden Weingläser vom Vortag waren schnell im Geschirrspüler verstaut, und so begab sich Sandra selbst erst mal auf einen kleinen Rundgang durchs Haus, hatte sie doch bis vor kurzem kaum die Freiheit gehabt, sich alles in Ruhe anzusehen. Dabei dachte sie darüber nach, ob und wieweit sie dem Mädchen Einblick in ihre Rolle geben sollte. Einerseits würde sie auf Walters Wunsch also die Chefin für da neue Mädchen spielen, andererseits konnte es gut sein, dass das Mädchen noch im Haus war, wenn sie, Sandra, ihren Master nach der Arbeit begrüßen würde. Damit würde sowohl ihr Outfit, als auch ihr Benehmen kaum vollständig zu verbergen sein, und so beschloss Sandra, dass sie sich am besten so normal und ungezwungen benehmen würde, wie sie das trotz ihres oft auffälligen Outfits in Seattle schon gekonnt hatte. Damals war es ihr Anfangs auch peinlich gewesen, an einem warmen Sommertag im Rollkragenpullover im Supermarkt an der Kasse zu stehen, wenn um sie herum alle im T-Shirt über die Hitze jammerten. Aber sie hatte gelernt, ihre Kleidung mit einer gewissen Würde zu (er)tragen, und wenn es nicht gerade ein Strafweise verordnetes Outfit war, kam sie schon ganz gut damit zurecht. Und das Mädchen musste sich eben daran gewöhnen, dass ihre Chefin warme Wollsachen trug, und je früher sie das sah, um so besser war es.

Fünf Minuten vor zehn läutete es an der Türe, und Sandra öffnete einer bildhübschen jungen Mexikanerin die Türe. „Buena mañana, äh .. Guten Morgen, Señora, mein Name ist Maria Gonzales, Señor Campell hat mich hier her bestellt, ist er da?“ begrüßte die junge Frau Sandra mit starkem aber wohlklingendem Akzent. „Hallo, nein, mein Mann ist nicht da, aber kommen sie doch weiter, er hat mir gesagt, dass sie kommen werden“ Das Mädchen betrat die Eingangshalle, und sah sich neugierig um. „Er hat gesagt, sie suchen ein Mädchen, das ihnen bei der Hausarbeit hilft, beim Kochen, und auch servieren kann, ja?“ frage sie, während Sandra sie in die gemütliche Küche führte, und ihr einen Eistee anbot. „Ja, das ist richtig, Miss Gonzales, wir sind erst seit kurzem aus Seattle hier her gekommen, und da Walter, mein Mann, auch ein paar geschäftliche Einladungen hier stattfinden lassen wird, wäre es gut, wenn sie auch mal Abends bleiben könnten, wenn wir Gäste haben. „Si, Señora, das ist kein Problem, solange noch ein Bus fährt, mit dem ich nach Hause kommen kann. Ich habe nämlich kein Auto, und ich wohne außerhalb der Stadt – und sagen sie doch bitte Maria zu mir“ „Okay, dann sagen sie aber auch Sandra, und nicht Mrs. Campell, und das mit dem Nachhause kommen ist kein Problem, entweder fährt sie mein Mann, oder wir rufen ein Taxi. Haben sie denn schon in einer ähnlichen Stelle gearbeitet?“ „Si Señora, zwei Jahre, aber es war…, ich habe leider kein Zeugnis bekommen, mein Papa wollte, dass ich sofort dort aufhöre, weil der Señor, er wollte äh … er wollte mehr als nur ein Mädchen für die Hausarbeit haben, sie verstehen“ Sandra verstand sofort, und es war ihr klar, warum das Mädchen Hals über Kopf die Stelle gewechselt hatte. Es gab doch immer noch so viele Schweine, die glaubten, eine junge Mexikanerin wäre so etwas wie Freiwild, und für jedermann zu haben. Das Mädchen mochten noch keine 18 sein, und wenn sie schon zwei Jahre gearbeitet hatte, war es wohl recht früh für sie losgegangen, mit dem Geld verdienen müssen. Schnell wurde sie mit dem sympathischen Mädchen einig. Schon am nächsten Tag sollte sie, so Walter einverstanden war, mit der Arbeit beginnen. Sandra versprach, ihren Mann sofort anzurufen, und ihr noch am Nachmittag bescheid zu geben.

Maria schien sehr froh zu sein, über eine Stelle bei der eine Señora das Sagen hatte, die sie zudem ebenfalls sympathisch fand und als sie sich vor der Haustüre verabschiedete, war sie zu Recht zuversichtlich, am nächsten Morgen wieder zu kommen. Inzwischen war es fast Mittag geworden, und die warme Luft und die starke Sonneneinstrahlung wurden von beiden Frauen im Kontrast zur klimatisierten Umgeben doppelt so intensiv empfunden. Maria hatte ihre zukünftige Chefin mit ihren großen schwarzen Augen intensiv beobachtet, und obgleich ihr die warme Kleidung der Señora sofort aufgefallen war, hatte sie kein Wort darüber verloren, es allerdings nicht geschafft, ihr Erstaunen völlig zu verbergen. Als sie nun zum Abschied vor der Türe in der Sonne standen, war der Kontrast in der Kleidung zwischen den beiden Frauen besonders deutlich zu sehen. Auf der einen Seite Sandra, die zwar die Strickjacke in der Küche abgelegt hatte, aber ob der dunklen Flauschstrumpfhose zum langen Rock immer noch deutlich zu warm gekleidet war, und auf der anderen Seite die junge Mexikanerin, die zur weißen Kurzarmbluse einen knapp Kniebedeckenden kakifarbenen Baumwollrock, ohne Strümpfe trug. Sandra bemerkte den Blick natürlich, und fragte sich im Stillen, wie lange es wohl dauern würde, bis das intelligent wirkende Mädchen es wagen würde, eine Frage über Sandras Outfit zu stellen.

Fortsetzung folgt ...