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Kapitel 9
Die Nacht hatte bei allen der sechs Freunde deutliche Spuren hinterlassen. Nach der morgentlichen Aufregung um Jessikas neues Angora-Outfit wurde nur noch wenig gesprochen und stattdessen mehr gegähnt. Aber nicht nur die kurze, unruhige Nacht ließ keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen, auch die Anspannung, die Ungewissheit vor dem, was noch auf sie wartete, drückte allen auf die Laune. Peter stocherte im Kamin und hielt das Feuer in Gang, während Petra in einem der Ledersessel lümmelte und fast wie in Zeitlupe an einem flauschigen Angorapulli strickte. Im Sessel daneben saß Kathi und döste einfach vor sich hin. Hilli hatte sich in eine Angoradecke eingewickelt auf der Eckbank bequem gemacht und blätterte in einem dicken Bildband über die bayerischen Alpen. Eva und Jessika saßen am Fenster und hielten mehr oder weniger aufmerksam Wache. Plötzlich zuckten beide zusammen und duckten sich hinter das Fensterbrett. “Was ist?”, fragte Peter, der gerade zufällig in ihre Richtung geschaut hatte. “Nichts, es war nur eine Minilawine von einer kleinen Tanne,” antowortete Jessi. “Ah so,” brummelte Peter und schlug mit dem Schürhaken auf ein Holzscheit ein, das partout nicht im Feuer liegen bleiben wollte. Plötzlich hielt er inne und betrachtete den schmiedeeisernen Haken genauer. “Wir sollten uns irgendwie bewaffnen,” murmelte er. “Wir können die Gangster schlecht mit Angorawollknäulen bewerfen, falls sie uns angreifen,” setzte er etwas lauter hinzu. “Meinst Du, sie finden uns hier oben?” fragte Katharina und kuschelte sich sorgenvoll ind den Rollkragen ihres Mohairpullis “Hoffentlich nicht, aber zumindest sollten wir vorbereitet sein. Ich schätze, sie werden die ganze Gegend nach uns absuchen. Wer weiß, wieviele Leute SIR inzwischen mobilisiert hat. Vielleicht verfügen sie sogar über einen Hubschrauber,” dachte Peter laut. “Unsere Autos könnten uns auch verraten,” gab Jessi zu bedenken. Sie erhob sich von ihrem Platz an der Fensterbank und gesellte sich zu Peter und Petra, die ihr Strickzeug beiseite gelegt hatte. “Stimmt,” sagte Peter und legte seine Stirn in Falten. “Einfach nur herum zu sitzen und zu warten, was passiert, hilft uns nicht weiter, im Gegenteil. Wir müssen etwas unternehmen, jetzt! Hat eine von euch einen Vorschlag?” “Laßt mich mal laut denken,” bat Eva von ihrem Fensterplatz aus. “Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir verbarikadieren uns hier im Haus, suchen alles zusammen, was als Waffe tauglich sein könnte, verstecken die Autos und warten ab, was geschieht. Aber wenn wir entdeckt werden, sitzen wir in der Falle und sind absolut auf uns alleine gestellt. SIR könnte uns aushungern oder noch schlimmer, das Dach über dem Kopf anzünden.” “Ach wie aufmunternd,” kommentierte Hilli mit bitterem Lächeln. Sie war fest in die Angoradecke eingekuschelt zum Kamin getapst und hatte sich auf einem der Lammfelle niedergelassen. “Nicht wahr! Zweite Alternative: wir packen unser Zeug zusammen und verschwinden hier so schnell und so unauffällig es geht. Allerdings weiß niemand, ob wir den Gangstern damit nicht geradewegs in die Arme laufen. Möglicherweise warten die SIR-Leute nur darauf, daß wir uns aus unserem Versteck wagen und lauern an entsprechenden Punkten. Wir würden die Gefahr nicht einmal erkennen, weil keiner eine Ahnung hat, wie die Verbrecher aussehen.” Für einige Minuten herrschte beklemmende Stille. Mit ihrem Vortrag hatte Eva ausgesprochen, was alle gefürchtet hatten, aber nicht wahr haben wollten. Die Lage war bedrohlich und ein Ausweg schien in weite Ferne gerückt zu sein. “Es gibt doch noch eine weitere Möglichkeit,” sagte Petra leise. “Nein, ich fürchte, es ist unsere einzige. Hier bleiben geht nicht. Selbst wenn SIR uns nicht finden sollte, werden uns bald die Nahrungsvorräte und das Gas ausgehen. Was dann? Einfach die Flucht ergreifen bringt auch nichts. Vorausgesetzt SIR lauert uns nicht auf, wo sollen wir hin?” “In unser Bauernhaus!” schlug Hilli vor. “Das ist wirklich ein lieb gemeinter Vorschlag, aber auch das wäre nur eine vorübergehende Lösung. Kathi, Peter und ich müssen irgendwann zurück in unser altes Leben, soweit das noch möglich ist. Ich muß auch an die Firma denken. Deshalb gibt es vermutlich nur einen Weg.” “Und der wäre?” wollte Peter wissen, obwohl er die Antwort schon erahnte. “Wir müssen gegen SIR vorgehen,” sagte Petra mit Furcht in der Stimme. “Du meinst, wir sollten sie angreifen?” fragte Hilli und bekam einen panischen Gesichtsausdruck. “Ja, genau, machen wir sie fertig, die Schweine!” rief Jessika. Sie schlug mit der rechten Faust so fest in ihre linke Hand, daß der Flausch ihres roten Kuschelpullis erzitterte und ein paar rote Angorafusseln durch die Luft wirbelten. “Langsam, langsam!” mahnte Peter. “Wir sind hier nicht in einem Hollywood-Film, bei dem am Ende automatisch das Gute siegt. Das hier ist die Realität! Ich bin nicht Schwarzenegger und ihr seid keine Lara Crofts. Die Gangster haben Waffen, richtige Waffen, keine Schürhaken, Bratpfannen oder Stricknadeln, sondern Pistolen und was weiß ich noch alles.” Im Laufe der Diskussion versank Hillis Kopf immer tiefer in ihrem Mohairrollkragen. Mittlerweile blinzelten nur noch zwei tränengefüllte Augen durch den dichten Flausch. Katharina sah das Häufchen Elend, setzte sich zu ihr auf das Lammfell, drückte sie fest an sich und streichelte beruhigend über ihren flauschigen Rücken. “Hilli, es tut uns sehr leid, daß wir dich und deine Freundinnen in die Geschichte hinein gezogen haben,” sagte Kathi. “Ist schon gut. Ihr habt euch das ja nicht freiwillig ausgesucht. Ich bin eben ein Angsthase.” “Wir haben alle Angst,” erwiderte Peter. “Und wenn du, Eva und Jessi gehen wollt, dann ist das absolut in Ordnung. Euch drei kennen die Gangster nicht, also hättet ihr wohl nichts zu befürchten. Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen euch gegenüber.” Petra und Katharina nickten zustimmend. “Kommt nicht in Frage,” rief die feurige Jessika. “Gerade jetzt wo es spannend wird sollen wir aufgeben? Ich bleibe.” Wie beim Fell einer Katze stellte sich der Angoraflausch von Jessis Kleidung und die rote Haarmähne auf. Auch in ihren funkelnden Augen konnte man die energiereiche Spannung deutlich sehen. Doch plötzlich kniete sie vor Hilli nieder, kuschelte sich fest an sie und sagte: “Hilli, ich verspreche dir, daß ich auf dich aufpassen werde. Du kannst dich auf mich verlassen. Du und Eva, ihr seid meine besten Freundinnen und ich werde nicht zulassen, daß euch etwas passiert.” Dann schob sie Hillis dicken Rollkragen ein wenig nach unten und drückte ihr einen sanften Kuß auf die Wange. “Alles ok?” fragte Jessi und zog den Mohairkragen wieder über die Nase ihrer Freundin. Hilli nickte dankbar. Peter hatte inzwischen seine Petra in den Arm genommen und küsste sie lange und zärtlich, nicht auf die Wange, sondern auf den Mund. Ganz automatisch waren seine Hände unter ihren Kuschelpulli gerutscht und streichelten zwischen den herrlich flauschigen Angoraschichten Petras wohlgeformte Brüste. Der dichte, üppige Angoraflausch und ihre weichen Rundungen wirkten wie Baldrian. Sie beruhigten die angespannten Nerven und dämpften die schlechten Gedanken an das, was kommen mochte. “Und ich? Wer kuschelt mit mir?” rief eine enttäuschte Eva, die noch immer am Fenster ausharrte. “Du hast Wache!” antwortete Jessika mit einem breiten Grinsen. “Wir haben alle etwas zu tun!” ergänzte Peter, nachdem er sich von den Lippen seiner Freundin gelöst und mit größtem Bedauern seine Hände unter ihrem Angorapullover hervorgezogen hatte.
Evas Laune verschlechterte sich zunehmend. Die anderen fünf versammelten sich vor dem Kamin, um ihr weiteres Vorgehen zu planen, während sie die die Lichtung vor dem Haus zu beobachten hatte. Zu allem Übel verursachte das gleisende Weiß des frischen Schnees unangenehmes Brennen in den Augen. Sicher, Wache zu halten, war eine verantwortungsvolle Aufgabe, aber hätte das nicht auch die Heulsuse Hilli übernehmen können. Sie, die noch immer in ihren Mohairpulli versunken zwischen Kathi und Jessika saß, würde ohnehin nichts wesentliches zum Kriegsrat beitragen. Schmollend spielte sie mit einigen Flauschhäärchen am linken Ärmel ihres Mohairpullis und ließ dabei ihre Augen zum hundertsten Mal über die verschneite Wiese wandern. In Blickrichtung zur Straße entdeckte sie erneut mehrere kleine Schneelawinen, die von einigen kleinen Tannen abgingen. Dieses kleinen Bäumchen schienen sich den Schnee regelrecht abzuschütteln. Wieder erzitterte eines und eine handvoll Schnee rutschte von einem Ast unterhalb der Spitze. Seltsam, dachte Eva. Der ganze Wald war weiß und schwer mit Schnee beladen, nur die vier oder fünf kleinen Tännchen, dort wo die Straße noch eine letzte Kurve machte, waren nahezu schneefrei. Eva kniff die Augen zusammen. Vielleicht waren es Rehe, die sich dort zum Frühstück eingefunden hatten und an den niederen Ästen zupften. Wie wohl so ein Tanneneis schmeckt, fragte sich Eva und schmunzelte. Doch dieses leise Grinsen in ihrem Gesicht gefrohr augenblicklich. Nein, das waren keine Rehe. Auch keine anderen Tiere. Eva duckte sich. Sie hatte ganz eindeutig eine menschliche Gestalt entdeckt. Für Sekunden nur war die ganz in weiß gekleidete Person sichbar, aber es gab keinen Zweifel. “Seid mal leise,” rief sie im Flüsterton, doch keiner der anderen reagierte darauf. “Ruhig!”, befahl sie nun etwas eindrücklicher. “Da ist jemand!” Im selben Moment war es mucksmäuschenstill im Zimmer. Selbst Hill hörte auf in ihren dicken Mohairkragen zu schluchzen. “Hast Du was gesehen?”, fragte Petra nervös. “Und ob! Leute, vergeßt das Pläneschmieden. Sie sind da!”, antworte Eva. Hilli quitschte, sprang auf und verkroch sich in einer Ecke neben dem Kamin. Das war zu viel für das zartbesaitete Mädchen. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und zitterte am ganzen Körper. Peter und Jessika eilten indessen ans Fenster, um selbst einen Blick nach draußen zu werfen. Genau in diesem Moment erzitterten die kleinen Tannen erneut und drei, nein vier Schneehaufen bewegten sich auf das Haus zu. Sie zogen deutlich sichbare, paralelle Bahnen in den unberührten Schnee. Noch waren sie gut fünfzig Meter entfernt und kamen nur langsam voran, aber trotzdem blieb den sechs Freunden im Haus kaum noch Zeit, um sich auf einen Überfall vorzubereiten. “Da kommen noch zwei!”, rief Jessi und zeigte auf eine andere kleine Baumgruppe, etwa dreisig Meter von der Straße entfernt. “Mist, verfluchter, nun haben sie uns doch überrascht,” schimpfte Peter. “Sind alle Türen und Fenster verriegelt.” “Ja, alles dicht!”, brüllte Petra. “Was ist mit den Fenstern nach hinten raus?” “Auch zu,” antwortete seine Freundin. “Sogar die Fensterläden” “Gut, gut.” Peter schaute hilfesuchend an die Zimmerdecke, als ob da oben die Lösung geschrieben stünde. Was nun? Warum hatten sie sich nicht schon längst auf eine solche Situation vorbereitet, statt Jessikas Lebensgeschichte zu erzählen und sie in Angora zu kleiden. In diesem Moment fiel ihm wieder ein, was er selbst trug. Nein, die werden mich nicht kriegen, in Angorastrumpfhosen und Angorapullovern schon gar nicht, dachte er wütend. “Sucht euch etwas als Waffe, irgendwas, Pfannen, Besenstiele, irgendetwas in der Art,” rief er und holte sich sogleich den schmiedeeisernen Schürhaken. Plötzlich, wie ein Blitz, rannte Jessika aus dem Wohnzimmer und polterte die Treppe hinauf in den ersten Stock. Glas klirrte, im Badezimmer fiel etwas blechernes zu Boden. Dann erschien sie wieder bei den anderen, keuchend, aber bis über beide Ohren grinsend. In ihren flauschigen Armen heilt sie zahlreiche Dosen Deo, Haarspray, sogar ein Insektenkiller. “Was willst Du denn damit,” fragte Eva. “Warte ab!” Jessi ließ die Dosen auf einen Sessel fallen, behielt eine in der rechten Hand, kramte mit der linken in der Tasche ihres Angorahöschens, förderte ein Feuerzeug zutage und entzündete es sogleich. dann drückte sie auf das Haarspray und sprühte in das kleine Flämmchen. Im nächsten Moment fauchte ein riesiger Feuerball durch das Zimmer und kokelte die Rückenlehne eines Sessels an. “Das ist genial!”, rief Katharina, die sich inzwischen mit einer Teigrolle und einem Besen bewaffnet hatte. “Wirklich, eine Superidee,” lobte Peter und wandte sich an Eva. “Wie weit sind sie noch weg?” “Ungefähr zwanzig Meter die Vierergruppe und dreisig die Zweiergruppe. Aber sie bewegen sich nicht mehr, liegen nur da.” “Wahrscheinlich ruhen sie sich nur aus. Offenbar ahnen sie nicht, daß wir sie schon entdeckt haben,” meinte Peter. “Jetzt kriechen sie weiter,” berichtete Eva. “Nein, stimmt nicht. Nur einer bewegt sich vorwärts, die anderen bleiben liegen. Er kommt direkt auf die Haustüre zu. Er ist ziemlich schnell. Noch zehn Meter.” Peter nickte Jessika zu, die sofort verstand. Beide rannten sie zur Haustüre und postierten sich rechts und links davon. “Eva, wo ist der Kerl?”, rief Peter und drehte vorsichtig den Haustürschlüssel im Schloß. Nun war sie unverschlossen. “Sag uns genau, was er macht.” “Er ist jetzt ganz nah!”, antwortete Eva. “Jetzt steht er auf. Die anderen bewegen sich auch weiter. Noch drei Schritte bis zur Tür, noch zwei, einer. Jetzt greift er nach der Türklinke.” In diesem Moment riß Peter die Türe auf und Jessika richtete den improvisierten Flammenwerfer auf den Eindringling. Der völlig verdutzte Gangster schrie auf, verlor das Gleichgewicht und stürtzte der Länge nach in den Flur. Peter warf die Haustüre wieder ins Schloß, und während er noch den Schlüssel herum drehte, warf er sich schon auf den Verbrecher. “Eva, was machen seine Kumpane?” “Nichts, sie bewegen sich nicht.” “Gut so,” zischte Peter und drehte den Arm des wild um sich strampelnden Mannes erbarmungslos auf dessen Rücken. “Na, mein Freund, das hättest Du wohl nicht gedacht. Petra, wir brauchen ein Seil, um dieses Schwein zu fesseln.” “Ich habe keines.” “Dann such etwas anderes, einige Schals oder was weiß ich.” “Einen Schal? Nie im Leben verschwende ich einen Angoraschal an diesen Mistkerl.” “Stell Dich nicht so an. Du kannst Dir ja neue stricken. Na los.” Zögerlich wickelte sie ihren riesigen, weißen Angoraschal vom Hals und ließ sich auch den von Katharina geben. “Hier!” sagte sie mürrisch und überreichte Peter die wertvollen Stücke. “Ich bin sicher, unser Gast wird es zu schätzen wissen, mit welch edlem Material er gefesselt wird,” frotzelte Peter und band die Hände des Gängsters auf dessen Rücken fest zusammen. Petra konnte nicht mit ansehen, wozu ihr flauschiger Schal mißbraucht wurde. “Eva, tut sich was?”, rief Peter, während er die Beine des Gängsters fesselte “Nein, nichts!” Der Gangster brüllte wie am Spieß. Peters Blick fiel auf die Kommode, die im Flur stand. Dort lag ein Paar von Petras Fäustlingen. Mit einem hämischen Grinsen griff er sich einen der Handschuhe und stopfte ihn dem Kerl in den Mund. “Schön flauschig, was? Fühlt sich gut an, gell?” Praktischerweise lag der Gefangene der Länge nach auf einem Teppich, den Peter trotz der menschlichen Last darauf ohne große Mühe bis zum Ende des Flurs ziehen konnte. In einer Niesche neben der Küchentüre hob er den Teppich an. Der gut verschnürte Kerl kullerte herunter, prallte mit einem dumpfen Schlag gegen die Wand und blieb regungslos liegen.
“Wir sind ein gutes Team,” sagte Peter zu Jessika, als sie sich im Wohnzimmer mit den anderen trafen. “Ja, aber nun sind die Gangster gewarnt,” erwiederte der Rotschopf. Zum ersten Mal konnte man einen Anflug von Unsicherheit in ihrem Gesicht entdecken. Sie fingerte ungeschickt am Rollkragen ihres roten Angorapullis herum, der im Eifer des Gefechts in Unordnung geraten war. Der weiche Angoraflaum streichelte dabei sanft ihr Kinn und sogleich entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder. Der zärtliche Flausch schien ihr gut zu tun. “Eva, Lagebericht,” sagte Peter. “Alles wie gehabt. Keiner bewegt sich. Sie liegen nur da und frieren sich die Eier ab.” “Eva! Beherrsche dich”, forderte Petra mit breitem Grinsen.
Inzwischen hatte sich alle bis an die Zähne bewaffnet. Kathy vertraute nach wie vor ihrer Teigrolle und dem Besen. Petra hielt sich mit beiden Händen an der schweren, gußeisernen Pfanne fest, die zuvor schon einmal an Peters Schädel ihre Wirksamkeit bewiesen hatte. Neben Eva lag ein mächtiges Fleischermesser auf der Fensterbank. Und mit der rechten Hand umklammerte sie eine Dose Deodorant “Ocean Fresh” und ein Feuerzeug. Auch Jessika vertraute ihrem Flammenwerfer aus der Dose, sowie ihrer Ausbildung in der Selbstverteidigung. Peter hatte den schweren Schürhaken geschultert und trug ein Backblech bei sich, das er gegebenenfalls als Schutzschild benutzen konnte. Nur Hilli hatte keine Waffe. Sie saß zusammengekauert neben dem Kamin, hatte sich den dicken Mohairpulli ganz über den Kopf gezogen und wimmerte leise.
Es war schon eine tolle Armee, die sich da gefunden hatte. Bewaffnet mit allerlei Küchengerät und gekleidet in Uniformen aus hochflauschigem Angora und Mohair konnte man fast glauben, sie würden versuchen, ihre Gegner durch Lachanfälle zu besiegen. Die Aussichten auf Erfolg waren praktisch gleich Null. Das wußten alle. Nur die Tatsache, daß SIR bisher nicht gerade durch Cleverness geglänzt hatte, gab ihnen Hoffnung. Es war ein kleiner Funke nur, an dem sich die sechs Freunde in ihrer Not festhielten. Einen Ausweg aus der gefährlichen Situation gab es nicht, oder doch? Petra begann zu grübeln. “Woran denkst du, mein Schatz,” wollte Peter wissen und kuschelte sich eng an seine Liebste. “Wir brauchen Verstärkung. Alleine schaffen wir das nicht.” “Aber niemand weiß von unserer Lage. Und wir haben keine Möglichkeit mit der Polizei in Kontakt zu kommen,” erwiederte Peter. “Vielleicht doch.” “Und wie?”, fragte Jessika. “Die Gegend hier ist meine zweite Heimat. Ich kenne mich aus. Meine Skier und die meiner Eltern sind im Abstellraum. Wenn ich ...” “Kommt nicht in Frage!”, entgegnete Peter. “Das ist viel zu gefährlich.” “Nun lass sie doch ausreden,” meinte Jessika. “Wenn ich mich durch die Hintertüre hinaus schleiche, könnte ich durch den Wald ins Tal abfahren und bei der Polizei Hilfe holen. Ich bin eine sehr gute Skifahrerin, ehrlich,” versicherte Petra. “Und wenn dich die Gangster verfolgen?”, fragte Kathi. “Sollen sie es doch versuchen. Umso besser, dann habt ihr schon weniger Gegner. Und ich werde keine Mühe haben die Kerle abzuhängen. Klingt doch gar nicht so schlecht, oder?” Peter mußte einsehen, daß der Vorschlag seiner Freundin brauchbar war. Zumindest hatte er keinen besseren. Mit ängstlichem Ausdruck in den Augen nickte er, nahm seine Petra in die Arme und küsste und streichelte sie zärtlich.
“Hey Leute, da draußen tut sich was,” rief Eva aufgeregt von ihrem Fensterplatz. “Sie sind aufgestanden und laufen zurück in den Schutz der Tannen.” “Wahrscheinlich werden sie eine neue Strategie aushecken,” deutete Peter den vermeindlichen Rückzug. “Schatz, das ist deine Chance. Du mußt dich beeilen.” Den letzten Satz hörte Petra nicht mehr. Sie war bereits nach oben gerannt, um sich ihren Skioverall anzuziehen. Als sie nach nur wenigen Minuten zurück kehrte, trug sie einen dick wattierten, pastellgrünen Einteiler mit pelzverbrämter Kaputze. Ihr Kopf war komplett verhüllt mit einer riesigen, weißen Ballonmütze aus flauschigster Angorawolle. Über ihrer Stirn war der Rand einer zweiten, dunkelgrünen Angoramütze zu sehen. Bevor Peter seine Petra zum Abschied noch einmal küssen konnte, wickelte sie sich einen gigantischen Angoraschal mehrfach um Hals, Mund und Nase. “Ich werde es schaffen,” nuschelte sie gedämpft durch die Flauschmassen, knuffte Peter in die Seite und verschwand im Abstellraum neben der Küche. Peter und Jessika folgten ihr. In Windeseile schlüpfte Petra in ein Paar Lowa-Skistiefel, ließ die Schnallen zuschnappen und stampfte ein paar Mal krachend auf den Steinboden. Dann zerrte sie ihre Atomic-Skier aus einer Ecke hervor, legte sie auf dem Küchenfußboden zurrecht und stieg in die Bindungen. Während sie gleich drei Paar Angorahandschuhe über zog, sagte sie: “Von der Hintertüre komme ich auf ein kurzes Wiesenstück, etwa zehn Meter breit. Dahinter ist der Wald und das Gelände fällt steil ab. Bis dahin muß ich es schaffen, dann holt mich keiner mehr ein.” Petra stellte sich hinter der Küchentüre auf wie zum Start für einen Abfahrtslauf. Sie atmete zweimal tief durch, dann nickte sie Peter zu. “Sei vorsichtig, mein Schatz,” rief Peter, entriegelte die Tür, zählte bis drei und riß sie auf. Mit einigen kräftigen Stockschüben rutschte Petra über die Küchenfliesen hinaus in den tiefen Schnee. Fast wäre sie gestürzt, fing sich aber wieder, arbeitete sich kraftvoll Meter für Meter vorwärts und erreichte schließlich unbeschadet den Waldrand. Ohne sich nocheinmal umzudrehen nahm sie eine gebückte Haltung ein und verschwand Sekunden später zwischen den Bäumen. Peter knallte sie Türe zu und verschloß sie wieder. “Hoffentlich geht das gut,” sagte er leise und starrte die hölzerne Küchentüre an. “Sie wird es schaffen,” versuchte Jessi den besorgten Freund aufzumuntern. Sie kuschelte sich an ihn und streichelte sanft durch den dichten Angoraflausch auf seinem Rücken. Der sonst so feurige Rotschopf zeigte sich plötzlich von einer ganz anderen, einer weichen, femininen Seite. Doch dieser Anflug von zarter Feminität war schnell vorüber. “Und jetzt reißen wir den Typen den Arsch auf,” rief sie kämpferisch, nahm Peter bei der Hand und zerrte ihn ins Wohnzimmer zu den anderen.
Inzwischen saß Kathi auf Beobachtungsposten am Fenster. Nachdem ihr Angoraschal nun für den Gefangenen als besonders wärmende Fußfesseln mißbraucht wurden, hatte sie sich ihre voluminöse, weiße Mohairstola aus der Schlafkammer geholt und sich um Kopf und Schultern gewickelt, sodaß nur noch die Augen frei blieben. Sie behauptete, es sei nur zur Tarnung, aber vermutlich genoß sie die dichten Flausch, der ihren Kopf komplett umschmeichelte, ein ganz klein wenig. Eva war dankbar für die Ablösung. Der grellweise Schnee hatte ihr sehr zugesetzt. Ihre Augen waren rot und brannten wie Feuer, ihre Beine waren vom vielen Sitzen steif und schlecht durchblutet. So bewegte sie sich fast unbeholfen durch das Wohnzimmer zu Hilli, die nach wie vor in ihren Mohairpulli versunken neben dem Kamin kauerte. Eva setzte sich zu ihr, begann ganz leise auf sie einzureden und streichelte sie dabei unablässig. “Ich schaue mal nach unserem Gast,” sagte Jessi plötzlich und ging hinaus in den Flur. Als sie nach wenigen Minuten zurück kam, lächelte sie verschitzt und formte mit ihren Fingern das Ok-Zeichen. “Und?”, wollte Peter wissen. “Er ist wieder zu sich gekommen, aber immer noch gut verpackt.” “Hat er was gesagt?” “Wollte er wohl, aber an Petras Handschuh hat er mächtig zu kauen. Für ihn hat der Begriff “pelzige Zunge” eine ganz neue Bedeutung bekommen,” witzelte Jessika und alle lachten. Selbst Hilli, deren Kopf kurz aus dem Mohairpullover aufgetaucht war, brachte ein gequältes Lächeln zustande.
Seit Petra das Haus verlassen hatte, um im Tal Hilfe zu holen, war nun mehr als eine Stunde vergangen. Peter wurde von Minute zu Minute unruhiger. Wo war sie jetzt gerade? Hatte sie die steile Abfahrt durch den Wald gemeistert oder lag sie irgendwo schwer verletzt in einer Felsspalte. Vielleicht hatte sie inzwischen auch schon ein Polizeirevier erreicht, aber würde sie es auch gelingen, den Beamten diese verrückte Geschichte glaubhaft zu machen? Peter fühlte sich hundsmieserabel. Er konnte nichts tun außer warten und sich seine Sorgen nicht anmerken lassen. Petras Erfolg war für ihn und die vier anderen Frauen überlebenswichtig.
Die Stille im Haus war beklemmend. Drinnen wie draußen rührte sich nichts. Nur die Schatten der Bäume wurden immer länger, das Glitzern des Schnees immer weniger, je näher die Sonne den Baumwipfeln kam. Bald, in kaum einer halben Stunde würde sie hinter dem Wald verschwinden. Peter war sich sicher, daß die Gangster noch vor Einbruch der Nacht einen zweiten Angriff unternehmen würden. Es herrschte Ruhe vor dem Sturm. Plötzlich fiel Peter eine seltsam geformte Beule auf Jessikas linker Pobacke unter ihrem kurzen Angorahöschen auf. Durch den dichten, schwarzen Flausch waren die Konturen nur verschwommen wahrzunehmen. “Jessi, was hast Du da in Deiner Hose?”, fragte er sie leise. “Na hör mal, was ist denn das für ein seltsamer Versuch mit mir zu flirten?”, antwortete sie keck. Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, faßte Peter in den weichen Flausch und ertastete etwas hartes und kaltes. etwas das sich anfühlte wie Metall, wie eine Pistole. “Die habe ich dem Typen draußen im Flur abgenommen,” flüsterte Jessika. “Eine voll geladene 45er,” ergänzte sie und klopfte sich zur Bekräftigung mehrmals auf den Po. “Hey, wenn die los geht,” fluchte Peter. “Sie ist gesichert, oder glaubst Du, ich würde das Risiko eingehen und mir aus versehen den Hintern wegschießen?” “Du kennst Dich aus, was? Ich hoffe, wir werden die Kanone nicht benutzen müssen, aber ich bin froh, daß wir sie haben,” meinte Peter.
Mit zunehmender Dunkelheit wurde das Beobachten der Lichtung immer schwieriger. Bald gab es nur noch weißen Schnee und schwarze Schatten. Details waren für Kathi kaum noch erkennbar, auch wenn sie ihre Augen noch so sehr anstrengte. Wenigstens war das Feuer im Kamin so weit herunter gebrannt, daß sich der Lichtschein nicht mehr in den Fensterscheiben spiegelte und die Sicht nach draußen nicht noch zusätzlich erschwerte. Allerdings strahlte der kleine Rest Glut kaum noch Wärme ab und die Temperatur in der Stube sank mit jeder Minute. Selbst Peter war nun dankbar für die zwei warmen Angorastrumpfhosen und Angorapullover, die Petra mehr oder weniger liebevoll aufgezwungen hatte. Trotzdem eilte er nach oben ins Schlafzimmer und streifte rasch eine Jeans über die flauschigen Strumpfhosen. Ganz gleich, wie dieses Drama ausgehen sollte, weder die Gangster, noch die Polizei oder gar der Leichenbeschauer sollten ihn in Strumpfhosen sehen.
Peter war gerade auf halbem Wege zurück nach unten, als ein lauter Knall und das schrille Klirren einer Fensterscheibe die Stille durchbrachen. Peter hörte einen spitzen Schrei von Kathi und raste so schnell es ging zu ihr. Mit weit aufgerissenen Augen, aschfahl und zitternd saß sie noch immer am Fenster. Kaum zwei Zentimeter neben ihrer linken Schläfe war die weiße Mohairstola in Fetzen gerissen. „Die ... die schießen auf uns,“ stellte Kathi fast ungläubig fest. „Komm weg vom Fenster,“ schrie Peter. Er stürzte sich auf sie und riß sie zu Boden. Im nächsten Moment war in dem kleinen, einst so romantischen Ferienhäuschen die Hölle los. Ein zweiter Schuss bellte durch die Dunkelheit, dann ein dritter und ein vierter. Hilli, die nun wieder komplett in ihrem Mohairpullover versunken war, wimmerte ohne Unterlass nach Hilfe, während Jessika aufgeregt mit ihrem Deo-Flammenwerfer herum fuchtelte. „Kommt schon, kommt schon,“ schrie sie. „Euch mache ich Feuer unter dem Hintern!“ Doch sie kam nicht mehr dazu. Eine weitere Gewehrkugel durchschlug die Reste des Fensters und anschließend Jessikas Brust. Mit Erstaunen im Gesicht und erstickter Stimme knickte sie zusammen, kippte nach vorn über und schlug schließlich der Länge nach auf den Fußboden, wo sie regungslos liegen blieb. Ihre rote Angorajacke schien sich plötzlich zu verflüssigen und über den Holzboden zu verteilen. „Oh mein Gott,“ kreischten Eva und Kathi zugleich und beugten sich über die schwer getroffenen Freundin.
„Ihr verdammten Schweine,“ schrie Peter hinaus in die Dunkelheit und seine Stimme überschlug sich dabei vor lauter Zorn. „Was wollt ihr von uns? Was haben wir Euch getan?“ „Wir wollen deine kleine Freundin, du Schwachkopf!“, rief eine Stimme aus dem Nichts. „Sie schuldet uns etwas.“ „Nichts schuldet sie euch, und sie ist längst nicht mehr da,“ antwortete Peter. Die Stimme lachte laut auf. „Willst uns wohl für dumm verkaufen! Sie hat sich wohl in Luft aufgelöst, die kleine Nutte.“ „Besser du löst dich in Luft auf,“ konterte Peter. „Sie dürfte bald wieder hier sein, und mit ihr die Polizei.“ Wieder lachte die Stimme, noch etwas hämischer und lauter als zuvor. „Dann müssen wir sie uns eben selbst holen.“ Innerhalb einer Sekunde krachte die Haustüre aus den Angeln, die Fenster in der Küche zerbarsten und vor dem bereits zerschossenen Fenster der Stube erschienen urplötzlich zwei weiß gekleidete Männer. Sie amen von allen Seiten. Peter gelang es noch, mit seinem Schürhaken einem der beiden Kerle das Gewehr aus den Händen zu schlagen, doch im nächsten Moment hatte ihm der zweite den Lauf seiner Waffe direkt zwischen die Augen gedrückt.
Das war’s, dachte Peter. Panische Angst stieg in ihm auf. Er kniff die Augen zusammen und wartete darauf, daß der Gangster abdrückte. Tatsächlich knallte es erneut, doch der Schuß klang, als käme er aus größerer Entfernung. Kein Schmerz, kein Blut, der Schuß traf ihn nicht einmal. Stattdesssen klappte der Gangster über der Fensterbank zusammen und ein roter Fleck breitete sich über seinem Rücken aus. Das Gewehr rutschte ihm aus den Händen und polterte zu Boden, direkt vor Peters Füße. Der war plötzlich wieder hellwach, hatte seine Angst abgeschüttelt und sich die Waffe gegriffen. Mit grimmigem Blick drehte er sich um. Im nächsten Augenblick huschte ein Lächeln der Erleichterung über sein Gesicht. Er ließ die Waffe sinken. Er brauchte sie nicht mehr. Um ihn herum waren plötzlich eine ganze Horde Männer. Die einen in weißen Schneeoveralls und mit erhobenen Händen, die anderen in schwarzen Anzügen mit Helmen auf dem Kopf und Gewehren im Anschlag. Ihre Rücken zierte in großen Lettern das Wort POLIZEI.
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