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Kapitel 7
Mit dem letzten Tropfen Benzin fuhr Peter den Mercedes in die Scheune hinter dem Bauernhaus. Als er den Wagen neben Jessies Landrover parkte, mußte er den Motor nicht mehr abstellen. Er ging von alleine aus. Soetwas nennt man Timing, dachte Peter, stieg aus und begann damit, die Einkäufe vom Vormittag in den Geländewagen umzuladen. Wer konnte schon wissen, ob sie nicht doch noch gebraucht wurden. Nach ein paar Minuten gesellte sich Eva zu ihm. Sie trug ihren Flokati, wie Jessika den Mantel zu unrecht bezeichnet hatte. Es war ein knielanger, wollweißer und langhaariger Kunstpelz mit Kapuze. Nachdem sie einen mittelgroßen Koffer und ein paar Tüten im Rover untergebracht hatte, half sie Peter die restlichen Lebensmittel umzuladen. Dann gesellten sich auch Hilli und Jessika zu ihnen. Auch die beiden waren warm eingepackt, Hilli in Jeans und rostbraunem Parka, dessen Kapuze ganz mit farblich abgestimmten Fuchspelz gefüttert war, Jessy ebenfalls in Jeans und einer antik wirkenden Lederjacke mit Lammpelzfutter. „Ich werde schon mal den Wagen vors Haus fahren,“ sagte Jessy zu Peter und warf den mitgebrachten Seesack ohne Rücksicht auf die zum Teil empfindlichen Lebensmittel in den Kofferraum. „Du kannst inzwischen versuchen, deine Freundin anzurufen.“ Peter nickte, ließ sich von Eva zum Haus begleiten und zeigen, wo das Telefon stand. Er hob den Hörer des museumsreifen Gerätes ab und wählte mit zittrigen Findern. Nach zwei Huptönen meinte eine freundliche Frauenstimme, daß der gewünschte Gesprächspartner zur Zeit nicht erreichbar sei. Bevor sie diese Mitteilung auf englisch wiederholen konnte, legte Peter enttäuscht und besorgt zugleich wieder auf. „Laßt uns fahren,“ meinte er zu Eva. „Du machst dir Sorgen, nicht wahr?“ „Wundert dich das?“
Jessika wartete mit laufendem Motor vor der Haustüre. Hilli hatte es sich auf der Rückbank bequem gemacht. Neben ihr nahm Eva Platz, während Peter nach vorn zu der energiegeladenen Jessika stieg. Diese legte mit einem kräftigen Schlag gegen den Schalthebel den ersten Gang ein und fuhr mit einem mächtigen Ruck an. Der Landrover war wirklich keine Rennmaschine, aber für winterliche Straßen das optimale Gefährt. Vereiste oder schneebedeckte Fahrbahnabschnitte waren kein Problem. So kamen sie doch zügig voran. „Wohin fahren wir eigentlich?“, wollte Jessika wissen. „Zuerst zum Ferienhaus, würde ich vorschlagen. Dort können wir auch übernachten, wenn es sein muß,“ anwortete Peter. „Hier irgendwo hat es den Opel meiner Verfolger zerschmettert.“ Wie auf Kommando suchten vier Augenpaare die Schneefläche rechts und links der Straße ab. Und tatsächlich, nur wenige hundert Meter weiter „parkte“ der Opel mitten in einem schneebedeckten Feld. Jessika verlangsamte die Fahrt. „Von den Verbrechern selbst ist nichts zu sehen, aber da führen Fußspuren auf die Straße,“ rief Eva und zeigte auf die besagte Stelle. „Die sind längst über alle Berge,“ meinte Jessika und gab wieder Gas.
Im grauen Licht der zunehmenden Dämmerung fuhren die vier weiter Richtung Stadt. Das monotone Heulen des Motors wirkte trotz der Lautstärke einschläfernd. Zumindest Peter mußte einige Male herzhaft gähnen. Doch dann ließen ihn zwei menschliche Silhouetten voraus erstarren. „Sind sie das?“, fragte Hilli aufgeregt. „Gut möglich“, antwortete Eva, die sich zwischen den Sitzen nach vorn gebeugt hatte. Jessy schaltete das Fernlicht ein. „Kein Zweifel! Wer macht schon im Straßenanzug einen Spaziergang im Schnee!“, witzelte sie. Nun hatten auch die beiden Männer das näherkommende Fahrzeug bemerkt. Der hintere der beiden drehte sich zu ihnen um und streckte den Daumen heraus. „Darauf kannste lange warten,“ rief Jessika. „Soll ich sie über den Haufen fahren?“ „Gerne,“ sagte Peter. „Aber das könnte zwei häßliche Beulen an deinem schönen Landrover geben.“ „Und erst die Blutflecken,“ gab Eva zu bedenken. „Dann lieber nicht, schade!“ Jessika zog einen beleidgten Schmollmund, wich aber keinen Millimeter von ihrer Fahrspur ab. Nur weil sich die beiden Männer mit einem beherzten Sprung in den Schneewall rechts der Fahrbahn retteten, konnten sie einen Zusammenprall vermeiden. „Bist du verrückt?“, schrie Hilli, aber es gelang ihr nicht, ihr kleines Grinsen zu verbergen. Ein paar Meter weiter hielt Jessika den Rover an und alle drehten sich nach hinten um. Durch das Rückfenster sahen sie, wie sich der größere gerade aus dem Schnee herausarbeitete, während der kleiner wütend umherhüpfte. Schließlich erhob er seine Faust und zeigte den vier Freunden den allseits bekannten Mittelfinger. „Wie unfein,“ schmunzelte Eva und alle lachten.
Es war bereits dunkel, als der Rover über die Hauptstraße am Supermarkt vorbei durch die Stadt fuhr. Nichts erinnerte mehr an den hektischen Verkehr am Tage, alles war ruhig. Viele der Häuser und Gärten waren mit weihnachtlichen Lichtern geschmückt. Doch den Insassen des Geländewagens war wenig nach Weihnachten zumute. Bald erreichten sie das Ortsende und schließlich auch die Abzweigung zum Haus der Familie List. Irritiert stellte Peter fest, daß, obwohl es geschneit hatte, relativ frische Reifenspuren zu sehen waren. Irgendjemand war vor nicht allzu langer Zeit den Weg hinauf zum Haus gefahren. Petra konnte es nicht gewesen sein. Sie und Katharina waren hoffentlich schon weit weg von hier. Sofern sich nicht ein Tourist hierher verirrt hatte, blieb als einzig logische Erklärung eigentlich nur SIR. Peters Herz begann wieder heftiger zu schlagen, als Jessika den Geländewagen durch den tiefen Schnee den Berg hinauf lenkte. Mit dem Mercedes wäre das ein aussichtloses Unterfangen gewesen, der schwere Rover zeigte hier erst seine wahre Stärke. So erreichten sie langsam aber mühelos den Wald. „Ist es noch weit?“, wollte Eva wissen. Sie war merklich aufgeregt. „Nein, einen Kilometer vielleicht noch,“ antwortete der nicht minder nervöse Peter. Plötzlich, nach einer weiteren scharfen Kurve tauchte ein verunglückter Wagen im Scheinwerferlicht auf. Es war ein kleiner, roter Suzuki, der halb im Straßengraben lag und verlassen schien. „Das wird immer mysteriöser,“ sagte Jessika ernst. Sie stoppte den Rover und schaute Peter erwartungsvoll an. Der stieg nach kurzem Zögern aus, ging zu dem fremden Auto und warf einen Blick durch die Scheiben. Dann wandte er sich den Frauen zu, zuckte mit den Schultern und öffnete die Beifahrertür. Mit einem kleinen Seufzer kletterte er ins Innere des Wagens. Sein erster Gedanke galt dem Fahrersitz. Er zog den flauschigen Handschuh von seiner rechten Hand, befeuchtete die Fingerspitzen und streifte damit über die Sitzlehne. Nichts, nicht der kleinste Angorafussel, das konnte er selbst bei Dunkelheit feststellen. Petra hatte den Suzuki also nicht gefahren, da war er sich sicher. Wer aber hatte dann den kleinen Geländewagen in den Graben gelenkt? Es ließ sich nicht feststellen. Peter konnte weder Wagenpapiere noch irgendeinen anderen Hinweis auf den Eigentümer des Autos finden, was seiner derzeitigen Gefühlslage nicht zuträglich war. Angespannt stapfte er zurück zum Rover, kraxelte umständlich hinein und berichtete. „Fahrern wir weiter. Mal sehen, was uns beim Haus erwartet,“ schlug Jessy vor. „Gut, aber ohne Licht und so leise wie möglich.“ Jessika tat ihr bestes. Sie schaltete das Licht aus und trat gefühlvoll auf das Gaspedal. Ein kurzes Aufheulen nur, dann lief der Motor untertourig und trieb den schweren Geländewagen in Schrittgeschwindigkeit weiter die Straße hinauf. An der kleinen Tanne, die die Zufahrt zum Haus markierte, tippte Peter Jessika auf die Schulter und flüsterte ihr zu, anzuhalten. Anschließen schlüpfte er aus dem Auto, lief geduckt zu der Tanne und versteckte sich dahinter. Wenige Sekunden später prallte etwas gegen seinen Rücken. Es war Jessika. „Geh zurück zu den anderen,“ schimpfte er leise. „Wir sind auch hier,“ flüsterte Eva. „Hmm,“ bestätigte Hilli. „Wo ist denn nun das Haus?“ Peter zeigte in die Richtung, in der er es vermutete. Mitten im Wald, bei stockdunkler Nacht war es nicht weiter verwunderlich, daß das Haus nicht einmal zu erahnen war. Und trotzdem hatte Peter Wackelpudding in den Beinen, als er sich auf den Weg zum Haus machte. Erst als er fast gegen die Tür lief, wußte er, daß er die richtige Richtung eingeschlagen hatte. Er wartete einen Moment, bis auch die drei Frauen ihn erreicht hatten, bevor er langsam die Türklinke niederdrückte. „Abgeschlossen“, hauchte er. „Versuch es mal damit,“ flüsterte Eva und reichte ihm einen Schlüssel. „Wo kommt der den her?“ „Später, mach schon!“ Vorsichtig steckte Peter den Schlüssel in das Schlüsselloch, drehte einmal, zweimal und drückte dann die Klinke nieder. Mit dumpfem Knarren, das jedem Horrorfilm gerecht wurde, öffnete sich die Haustüre. Einer nach dem anderen schlüpfte ins Haus und versuchte dabei möglichst nicht zu stolpern. Peter glaubte sich daran zu erinnern, daß im Flur eine Kommode stand, fand sie dann auch sehr schnell, in dem er sich die spitze Ecke der Deckplatte in den Bauch rammte. Seltsamerweise verspürte er den Schmerz nicht nur knapp oberhalb der Hüfte, sondern gleichzeitig auch im Hinterkopf, verbunden mit einem lauten Gongschlag. Ein prachtvoller Sternenhimmel tat sich vor ihm auf, bevor er fast in Zeitlupe in die Knie sank und das Bewußtsein verlor. Das laute Kreischen der Frauen und das Klatschen von Ohrfeigen nahm er, wenn überhaupt nur noch unterbewußt wahr.
Ich bin blind, war sein erster Gedanke, als er allmählich wieder zu sich kam. Sein Schädel dröhnte und er hörte gespenstische Stimmen. Erst nach einer Weile fiel ihm auf, daß er seine Augen noch geschlossen hatte. Mit aller Kraft stemmte er seine Augenlieder auf, doch sehen konnte er nichts außer einer weißen Wolke, die hin und her wogte. War er jetzt im Himmel? „Er kommt zu sich,“ sagte eine Stimme, die er zu kennen glaubte. Sein Blick wurde klarer und sein Hirn nahm seine Arbeit wieder auf. So erkannte er schließlich, daß es keine Wolke war, was er vor den Augen hatte, sondern weißer, dichter Angoraflausch, der zu einem kuscheligen Pullover gehörte, in dem wiederum Petra steckte. Peter wollte sich aufrichten, doch seine Geliebte hielt ihn sanft zurück. „Bleib liegen. Du hast eine mächtige Beule am Hinterkopf,“ sagte sie und küßte ihn zärtlich auf die Stirn. „Was ist passiert?“ „Nette Freundin hast Du!“, antwortete Jessika. „Sie hat dir mit der Pfanne eins übergebraten?“ „Kathi ist auch nicht besser. Von ihr habe ich ein blaues Auge,“ fügte Hilli hinzu. „Frauen!“, murmelte Peter. „Das mußt ausgerechnet du sagen. Wer ist denn als erstes zu Boden gegangen?“, frotzelte Jessika. Peter hielt es nun nichtmehr in der wagerechten Lage. Keuchend und mit Petras Unterstützung setzte er sich auf und rieb sich den schmerzenden Hinterkopf, doch als er in die Runde schaute, mußte er schmunzeln. „Ihr hattet wohl vor, den SIR-Gangstern die Arbeit abzunehmen,“ stellte er fest. Da saß Hilli ihm gegenüber in einem Sessel und drückte sich einen Eisbeutel auf ihr linkes Auge. Auf der Armlehne rechts neben ihr hockte Eva mit einem großen Pflaster am Kinn. Katharinas linkes Handgelenk war dick verbunden und Petra humpelte auffallend, als sie durchs Zimmer ging, um die rote Angoradecke zu holen, die über einem Sessel hing. Nur Jessika, die es sich in diesem Sessel bequem gemacht hatte, schien unverletzt zu sein.
Abgesehen von den Blessuren waren die Frauen ein toller Anblick. Eine hübscher als die andere, allen voran Petra, deren Locken mit dem üppigen Flausch ihres riesigen Rollkragenpullovers aus blütenweißer, reiner Angorawolle zu verschmelzen schienen. Dazu trug sie weiße Angorastrumpfhosen und ein paar weiße Hüttenschuhe aus Angora mit Ledersohle. Daß sie darunter weitere kuschelweiche Angorastricksachen trug, war zwar nicht zu sehen, aber zumindest sehr wahrscheinlich. Katharina hatte wieder ihren blauen Mohair-Jogginganzug an und sich das passende Stirnband über den Kopf gezogen. Auch Eva steckte in einem sehr kuscheligen Mohairpulli mit Norwegermuster und kleinem Stehkragen. Hilli im Cashmerepulli wurde gerade von Petra in die riesige, rote Angoradecke gewickelt und spätestens jetzt auch ins Bild der Schmusekatzen. Nur Jessika, wer sonst, steckte in Jeans und Holzfällerhemd. Wer aber genau hinschaute, dem entgingen ihre neidischen Seitenblicke nicht.
„Was macht ihr beiden eigentlich hier?“, wollte Peter von Petra und Katharina wissen. „Hatte ich euch nicht gesagt, ihr sollt euch aus dem Staub machen?“ „Ja, hast du,“ antwortete Petra und kuschelte sich verlegen in ihren Rollkragen. „Ich hatte mir ein Auto gemietet, wollte Kathi abholen und bin auf dem Weg hier herauf im Straßengraben gelandet.“ „Dann ist das also doch dein Suzuki, der weiter unten im Graben liegt. Warum waren dann auf dem Fahrersitz keine Angorafusseln zu finden?“ „Weil ich deine Lederjacke trug, du Dummerchen.“ „Ach richtig. Und weiter?“ „Wir entschieden uns also zwangsläufig hier im Haus zu bleiben und verbarrikadierten uns. Als wir dann glaubten, einen Motor zu hören, löschten wir alle Lichter. Wir bewaffneten uns mit Pfanne und Besenstiel unten verhielten uns so ruhig wie möglich. Wir hatten ganz schön Angst, kann ich Dir sagen, als plötzlich die Haustüre aufging und vier dunkle Gestalten herein schlichen.“ „Und da habt ihr vorsichtshalber erst einmal zugeschlagen,“ witzelte Jessika. „Hätten wir uns vielleicht vorher vorstellen sollen?“ „War schon richtig so,“ meinte Peter und rieb sich den Kopf. „Ich habe auch so einiges erlebt.“ „Das weiß ich bereits. Eva, Hilli und Jessy haben uns alles erzählt. Ich hätte gerne dein Gesicht gesehen, als du in meine Angorasachen gepackt bei ihnen klingeln mußtest. War’s schlimm?“ „Am Anfang schon, aber im Nachhinein betrachtet, bin ich froh, daß ich es getan habe. Die Mädchen sind in klasse.“ „Das konnten wir auch schon feststellen,“ bestätigte Kathi und setzte sich neben Hilli auf die Armlehne des Sessels. „Danke, für das Kompliment,“ sagte Hilli, kuschelte sich fester in die flauschige Angoradecke und fragte: „wie soll es nun weitergehen?“
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