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Kapitel 6
Peter verdrehte die Augen, murmelte etwas unverständliches und beeilte sich, seiner Freundin hinterher zu gehen. Er war nur noch wenige Schritte von ihr entfernt, als er sah, wie sich zwei dunkel gekleidete Männer rechts und links von Petra aufstellten und ihre Arme ergriffen. Ihr Kopf zuckte erschrocken hin und her. Kein Zweifel, die beiden Männer gehörten zu SIR. Offenbar war die Flucht der drei Freunde doch nicht unbemerkt geblieben. Und die Gefahr, in der sich vor allem Petra befand, war größer denn je. Die geplatzte Entführung und die zahlreichen Verhaftungen hatten die Organisation geschwächt, aber auch gereizt. Ein zweites Mal würden sich die noch verbliebenen SIR-Anhänger sicher nicht so einfach hinters Licht führen lassen. Nachdem sich der erste Schrecken gelegt und sein Körper den heftigen Adrenalinschub überwunden hatte, begann Peters Gehirn wieder zu arbeiten. Er suchte fieberhaft nach einer Idee, um die beiden Männer schnellsmöglich abzuschütteln. Sein Blick fiel auf die halb geöffnete Sakkotasche des Typs zu Petras Rechten. Da war sie, die Idee. Hoffentlich funktioniert es, dachte er sich, griff nach einem der Schokoladenriegel im Verkaufsständer vor der Kasse, machte drei Schritte auf den Kerl zu und ließ die süße Überraschung vorsichtig in dessen Tasche gleiten. Dann winkte er eine Verkäuferin zu sich und sagte: „Ich habe beobachtet, wie dieser Mann einen Schokoladenriegel geklaut hat.“ „Sind sie sicher?“, wollte die Angestellte wissen. „Ja, huntertprozentig! So eine Schweinerei!“, empörte sich Peter. „Danke,“ sagte die Verkäuferin, trat von hinten an den Mann heran und tippte ihm auf die Schulter. „Würden sie mich bitte ins Büro begleiten.“ Hastig drehte sich der ertappte Dieb zu ihr um und schaute sie fragend an. „Wozu?“ Petra, die gerade dabei war, ihre Einkäufe auf das Transportband der Kasse zu packen, bemerkte von alldem nichts. Nervös und ängstlich entlud sie weiter ihren Einkaufswagen. „Sie wurden bei einem Diebstahl beobachtet,“ erklärte die Verkäuferin. „Das muß ein Irrtum sein.“ „Bitte erregen sie kein Aufsehen. Sollte es sich wirklich um ein Mißverständnis handeln, läßt es sich schnell klären. Aber nicht hier, sondern im Büro des Marktleiters.“ Die Kassiererin hatte bereits begonnen, Petras Einkäufe über den Scanner zu ziehen. Das Piepen des Geräts irritierte den Mann. Seine Augenlieder zuckten bei jedem Ton. Er ließ Petras Arm los und ergriff stattdessen den der Dame in weißen Kittel. Peter sah schon seinen Plan mißlungen. Gleich würde der Kerl eine Waffe aus dem Schulterhalfter ziehen und ein Massaker im Supermarkt anrichten. „Fassen sie mich bitte nicht an,“ keifte die energische Angestellte. „Kommen sie nun mit nach hinten oder soll ich den Marktleiter rufen lassen?“ „Schon gut, schon gut.“ Peter atmete tief durch. Der Kerl warf seinem dämlich dreinschauenden Komplizen einen genervten Blick zu und sagte brummig: „Du kümmerst dich um alles, verstanden!“ „Nein, sie gehören offensichtlich zusammen und kommen bitte beide mit ins Büro.“ Perfekt, dachte Peter und sah in den Augenwinkeln, wie seine Liebste ihre Waren bezahlte. Als sie mit zittrigen Händen das Wechselgeld in Empfang genommen hatte, mogelte sich Peter zu ihr, legte seine Hand auf ihren Rücken und schob sie mit sanfter Gewalt Richtung Ausgang. „Lassen sie mich los, ich komme ja freiwillig mit,“ zischte Petra mit einem kleinen Lächeln. „Hey, ich bins doch nur,“ flüsterte Peter. „Aber SIR hat uns leider aufgespürt!“ „Was?“, kreischte Petra. Sie fuhr so heftig herum, daß sich ein paar weiße Angorafusseln aus dem flauschigen Gestrick ihrer Jacke verabschiedeten und durch die Luft wirbelten. „Schnell, beeil dich, raus hier,“ ermahnte Peter seine Freundin und beschleunigte seine Schritte. Für einen kurzen Moment verlor er die Übersicht über den riesigen Parkplatz, konnte sich nicht erinnern, wo er den Wagen abgestellt hatte. Doch dann entdeckte er das schwarze Dach des Kombis und stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Am Wagen angekommen, rammte er den Schlüssel ins Schloß der Heckklappe, riß sie auf und begann Petras Einkäufe mit beiden Händen aus dem Gitterwagen in den Kofferraum zu schaufeln. „Paß doch auf, die Eier!“ rief Petra. „Du hast Sorgen! Was sind schon ein paar kaputte Eier gegen eine Kugel im Kopf?“ erwiderte Peter, ohne das Umladen zu unterbrechen. Schließlich gab er dem Einkaufswagen einen Schubs, knallte die Heckklappe des Autos zu und beeilte sich, hinters Steuer zu kommen. Petra saß bereits auf dem Beifahrersitz. Noch während er die Türe Schloß zog, startete er schon den Motor, drückte den Rückwärtsgang hinein und rollte aus der Parklücke. Im Rückspiegel sah er, wie die beiden Männer, gefolgt von einer wild gestikulierenden Verkäuferin, durch die Schiebetür drängten und dann auf den Mercedes zu rannten. „Sie kommen!“, schrie Peter. Er packte den Schalthebel, als wolle er ihn herausreißen, schlug in nach vorn und gab Vollgas. Mit heulendem Motor schoß der Kombi über den Parkplatz, ohne Rücksicht auf Passanten. So mancher mußte sich durch einen waghalsigen Spriung zur Seite vor dem brüllenden schwarzen Monster retten. „Es ist frei,“ kreischte Petra, doch Peter war schon in die Hauptstraße eingebogen und jagte dem Ortsende entgegen. „Sind sie hinter uns?“, wollte Peter wissen. „Keine Ahnung,“ antwortete Petra. „Ich glaube nicht.“ „Es wird nicht lange dauern, bis sie uns im Nacken hängen. Der Mercedes ist zu auffällig.“ „Wie konnten die uns nur finden?“ fragte Petra mit weinerlichem Unterton. „Das spielt jetzt keine Rolle. Wir müssen sie loswerden. Ich habe da so eine Idee,“ antwortete Peter und bog nach links in eine Seitenstraße ab. Knapp hundert Meter weiter, vor einem Mehrfamilienhaus bremste er scharf ab und schaute sich um. „Was hast Du vor?“ „Ich werde versuchen, die Typen auf eine falsch Fährte zu locken,“ antwortete Peter. „Dazu brauche ich Deine Klamotten.“ „Was?“ „Ja!“ Peter zeigte auf einen überdachten Parkplatz. „Hier zwischen den geparkten Autos können wir unsere Kleider tauschen. Ich werde mich für Dich ausgeben und so tun, als würde ich mit dem Mercedes aus der Stadt fliehen. Du wirst Dir ein Auto mieten und Kathrin abholen. Ihr sucht euch irgendwo ein Hotel und taucht dort unter, bis ich wieder bei euch bin.“ „Und wie willst du uns wiederfinden?“, fragte Petra, die von dieser Idee nicht allzu viel zu halten schien. „Ich rufe Euch spätestens morgen um diese Zeit übers Handy an. Ist doch ganz einfach.“ „Ich habe eine bessere Idee. Wir gehen zur Polizei und werde um Polizeischutz bitten.“ „Klasse Idee! Wie toll der Polizeischutz funktioniert, erleben wir ja gerade, nicht wahr?“ entgegnete Peter ironisch und stieg aus dem Wagen.
Zunächst aber mußte Peter die Scheeketten loswerden, damit er schneller fahren konnte. Er löste sie von den Rädern und warf sie achtlocs zu den Einkäufen in den Kofferraum. Dann ging er zu Petra, die bereits zwischen den parkenden Autos auf ihn wartete. Dort zog er seine Jacke aus und machte sich an der Hose zu schaffen. Doch dann erinnerte er sich an die Angorastrumpfhose, die er darunter trug, hielt er inne und schaute sich befangen um. Hoffentlich sieht mich keiner, dachte er und schlüpfte aus der Jeans. „Die Hosen auch?“, fragte Petra und kicherte leise. „Ja ... muß wohl sein.“ Als Petra ihren Freund in dicken Angorastrumpfhosen vor sich stehen sah, wurde ihr Kichern lauter. Dann zog auch sie ihre flauschige Angorahose aus und übergab sie dem ungeduldig wartenden Peter. „Vergiß ja nie, was ich hier für dich tue,“ sagte Peter und streifte die voluminöse Strickhose über. In seinem Inneren kämpften Scham und Wohlbehagen. Als er Petras unbeschreiblich dicke und unendlich flauschige Kaputzenjacke in Empfang nahm, mischte sich heftige Erregung in seine Gefühle ein. Er schlüpfte hinein und ließ sich von Petra beim Schließen der Pelzhaken helfen. Sein kleiner Freund unterhalb der Gürtellinie wußte diesen Flauschrausch besonders zu schätzen und entfaltete sich in Rekordgeschwindigkeit. Während Peter noch darum bemüht war, seine Gefühle zu sortieren, bekam er Petras gigantische Balonmütze über den Kopf gestülpt und mit den breiten Kordeln unter dem Kinn zugebunden. Durch die mächtige Mütze hatte sich Peters Kopfumfang gut und gerne verdoppelt. Die Geräusche um ihn herum wikten dagegen um die Hälfte gedämpft und unwiklich. „Ein schlechter Tausch,“ sagte Petra und zog die kalte, glatte Lederjacke über. „Hä?“ „Schon gut. Du siehst süß aus,“ antwortete sie und schlüpfte widerwillig in die Jeans. „Wie? Kannst du nicht ein wenig lauter sprechen?“, bat Peter. Statt ihre Worte zu wiederholen, nahm Petra Peters Kopf in beide Hände und küßte ihn zärtlich auf den Mund. Dann übergab sie ihm zwei Paar Angorahandschuhe, zog die beiden Paare, die sie selbst noch trug, zurecht und zupfte die dicke, blaue Angoramütze, die bisher unter der riesigen Balonmütze verborgen war, in Form. „Mir ist kalt und ich vermisse dich jetzt schon,“ sagte sie laut und küßte ihren kuschelweich eingepackten Freund noch einmal. „Wird schon schiefgehen. Wir lassen uns nicht unterkriegen,“ meinte Peter. „Danke, mein Schatz,“ sagte Petra und legte ihm ihren mächtigen Angoraschal um den Hals. Bevor Peter unter dem schützenden Dach des Parkplatzes hervor trat, schaute er sich verunsichert um. Plötzlich kamen ihm seine Arbeitskollegen in den Sinn. Wenn die ihn so sehen würden, wenn sie jemals herausfinden sollten, was er im Moment trug, würde er an den Südpol auswandern müssen. Dann hechtete er geradezu ins Auto, schlug die Fahrertüre zu und öffnete das Fenster einen Spalt weit. „Du weißt, was du zu tun hast?“ „Ich komme klar,“ antwortete Petra und warf ihm einen Kuß zu. Peter nickte, starte den Motor, legte den ersten Gang ein, schaute in den Rückspiegel und ... „Ahhhh,“ schrie er beim Anblick seines Spiegelbildes. Dann fuhr er davon.
Irgendwie hatte Peter den Weg durch das verwinkelte Wohngebiet zurück zur Hauptstraße gefunden. Langsam rollte er auf die Kreuzung zu. So paradox es schien, statt zu fliehen, mußte er sich nun auf die Suche nach den Gangstern machen. Er hatte Angst, aber Petra war es allemal wert, daß er sich für sie in Lebensgefahr begab. Er bog nach rechts ab und fuhr zurück zum Supermarkt. Er nahm sich vor, die Hauptstraße so lange auf und ab zu fahren, bis seine Verfolger ihn wiedergefunden hatten. Die Chancen waren gering genug, aber eine Alternative gab es nicht.
Glück muß man haben, dachte Peter, denn schon von weitem sah er einen weißen Opel am Straßenrand und neben einer Telefonzelle die dazugehörenden Männer stehen. Deutlich konnte er die dummen Gesichter der Kerle erkennen. Betont langsam passierte er die beiden, wurde selbst aber nicht gesehen. Erst als sich ein Autofahrer hinter ihm genötigt fühlte, Peter wegen seiner Kriechgeschwindigkeit anzuhupen, fuhren die Köpfe der Typen herum. „Danke,“ sagte Peter und trat aufs Gaspedal. Im Rückspiegel beobachtete er, wie die zwei zu ihrem Wagen spurteten. Dieser stand jedoch in die entgegengesetzte Fahrtrichtung. Wieder mußte Peter langsam tun, damit seine Verfolger Zeit zum Wenden hatten. „Habt ihr’s bald?“, schimpfte er vor sich hin. „Wohl in der Fahrschule sitzengeblieben!“ Fast schon erleichtert stellte Peter fest, daß die Verbrecher nun endlich umgedreht hatten. Die Verfolgungsjagt konnte also endlich beginnen.
Die rasante Fahrt führte zur Stadt hinaus in eine wunderschöne, tief verschneite Winterlandschaft. Doch nach Landparty war Peter momentan nicht zumute. Ohne Schneeketten auf den Hinterrädern kam der Mercedes auf der teilweise vereisten Straße immer wieder ins Schlingern. Bei gut 120 Sachen befand er sich konstant im Grenzbereich. Dann und wann kamen die am Straßenrand aufgetürmten Schneemassen bedenklich nahe, einmal sogar riß er mit dem rechten Außenspiegel eine tiefe Kerbe in die weiße Wand. Doch zu seiner Erleichterung erging es seinen Verfolgern nicht besser. Im Grunde hatte er nichts weiter zu tun, als die Gangster so weit wie möglich von seiner geliebten Petra und Kathrin wegzulocken. Er hoffte nur, daß die zwei Frauen ebenfalls unterwegs waren, und zwar in die entgegengesetzte Richtung.
Mit zunehmender Dauer der rasanten Fahrt wurde Peter routinierter. Trotz der dicken Angorahandschuhe hatte er den Mercedes gut im Griff und soetwas ähnliches wie Galgenhumor kam in ihm auf. Jeden Rutscher des Wagens, jedes Durchdrehen und Ausbrechen kommentierte er mit einem lauten „Hoppala“, „Hui“ oder „Sapperlot“. Wenn seine Freunde hinter ihm ins Schlingern kamen, hatte er nur ein verächtliches „Ätsch“ für sie übrig. Aber plötzlich blieb ihm ein „Eieiei“ im Halse stecken. Mit Entsetzen wurde ihm bewußt, daß er einen Fehler gemacht hatte, der ihm zum Verhängnis werden konnte. Ausgelöst wurde dieser Schrecken durch eine kleine Leuchtdiode, die bei der Tankanzeige aufflackerte. Er hatte vergessen zu Tanken. Wieviel Reserve hat so ein Mercedes, fragte er sich. Fünf Liter, vielleicht zehn? Wie weit würde er bei dieser Fahrweise noch kommen? Nun leuchtete das Lämpchen bereits konstant und Peter war noch zu keiner Lösung gekommen. Würde der Wagen jetzt stehenbleiben, wäre das vermutlich sein Todesurteil. In dieser einsamen Gegend wäre er den Verbrechern hilflos ausgeliefert. Seine Leiche würde man, wenn überhaupt, erst im nächsten Frühjahr finden und dann womöglich neben Ötzi ausstellen. Peter sah schon die Schlagzeilen der Presse: „Die Sensation - Yeti entpuppt sich als Mann in Angora“. In seiner Verzweiflung trat Peter das Gaspedal voll durch. Bevor die Verfolger nachsetzen konnten, hatte er schon gut 200 Meter Vorsprung. Nach einer kleinen aber tückischen Kuppe waren sie im Rückspiegel zunächst nicht mehr zu sehen. Doch nur einen Augenblick später tauchten sie wieder auf, seitwärts rutschend bis sich das Heck des Opels in der Schneewand am Straßenrand verhakte. Wie ein Brummkreisel drehte sich der Wagen mehrmals um seine eigene Achse, krachte wieder in die Schneewand, dieses Mal auf der anderen Straßenseite, hob ab und flog mit einer filmreifen Drehung über die Böschung und versank bis zu den Fenstern im tiefen Schnee. „Wooooowwww“ war Peters einziger Kommentar. Dann nahm er erleichtert den Fuß vom Gas, lehnte sich in seinem Sitz zurück und zuckelte mit gemächlichen 60 Stundenkilometern weiter.
Nach nur wenigen Kilometern erreichte Peter endlich eine kleine Ortschaft, wo er eine Tankstelle zu finden hoffte. Vergebens, ein paar Bauernhäuser, eine kleine Kapelle und ein uralter Gasthof, das war schon alles, was er im Vorbeifahren entdecken konnte. Ein wenig ratlos parkte er den Mercedes am Ortsende. Mitten im Nirgendwo, der Tank knochentrocken, seine Kehle auch, Peter spürte plötzlich tiefe Erschöpfung. Instinktiv wischte er sich eine Schweißperle von der Nase und erschrak erneut. Das hatte er in der Aufregung völlig vergessen: er steckte von Kopf bis Fuß in unendlich flauschiger Angorawolle und hatte keine Kleidung zum Wechseln dabei. „Ich Vollidiot!“, schrie er in seiner Verzweiflung. „Warum kann ich keine Freundin haben, die auf Leder steht oder auf was weiß ich? So eine Blamage!“
Peter überlegte ernsthaft, ob er sich nackt ausziehen und hinaus in den eisigen Schnee setzen sollte, um dort langsam aber in Würde zu erfrieren. Glücklicherweise entschied er sich den zu erwartenden peinlichen Situationen zu stellen und diese traumatischen Erfahrungen dann von einem Spezialisten behandeln zu lassen. Fest entschlossen startete er den Wagen, wendete und fuhr in den Ort zurück. Vor einem Haus, das aufgrund der weiß getünchten Fassade und den grünen Fensterläden irgendwie sympathisch wirkte, hielt er an, nahm seinen ganzen Mut zusammen und stieg aus. Auf Beinen aus Gummi und pochendem Herzen ging er auf die Haustüre zu, holte zweimal tief Luft und drückte auf den Klingelknopf. Noch war Zeit zum Wegrennen, dachte er. Aber da hörte er auch schon Schritte. Die Türe wurde einen Spalt breit aufgezogen und eine zierliche Nase tauchte auf. „Ja bitte?“, fragte eine helle Frauenstimme. Die Tür wurde ein wenig weiter geöffnet und der Kopf einer bildhübschen, etwa 25-jährigen Frau erschien. Peter verschluckte sich und mußte heftig husten. Warum um alles in der Welt mußte das Mädchen so hübsch und jung sein? Warum konnte es kein steinaltes Bauernweiblein, möglichst halb blind, die ihm die Türe öffnete. Zutiefst beschämt blickte er in zwei riesengroße, staunende, grüne Augen. „Ich ... äh ... wissen sie, ich ... hm,“ stammelte er. „Ja?“ Das Staunen der jungen Frau wich langsam aber unübersehbar einem schelmischen Grinsen. Peter räusperte sich noch einmal, dann sagte er mit fester Stimme: „Lachen Sie mich ruhig aus, ich habe es nicht besser verdient. Was mir heute alles passiert ist, das glaubt mir niemand.“ „Da bin ich aber mal gespannt. So wie sie aussehen!“ „Nicht wahr? Meine Freundin und ich, wir machten hier in der Nähe Urlaub und ...“ „Kommen sie doch herein,“ unterbrach die Claudia Schiffer der Alpen. „Die Geschichte will ich mir genau anhören und hier wird es etwas kalt.“ „Dankeschön, danke.“ Froh, aus dem Blickfeld der Ortsbewohner zu kommen, klopfte Peter den Schnee von seinen Stiefeln und trat ein. „Hier entlang in die Stube, bitte,“ sagte das Mädchen lächelnd und deutete auf eine offne Tür am Ende des kurzen Hausflurs. „Oh nein, danke, ich will nicht stören,“ wehrte Peter ab. Womöglich saß in der Stube die restliche Familie und würde bei seinem Anblick lachend von den Stühlen fallen. „Sie stören nicht. Im Gegenteil. Im Winter ist es hier ziemlich langweilig. Da freut man sich über jede Abwechslung,“ erwiderte sie, griff in den tiefen Flausch von Peters Arm und zog in hinter sich her in die besagte Stube. Darin saß nicht die Familie beisammen, nein, viel schlimmer! Zwei nicht minder junge und hüsche Mädchen lümmelten auf einer hölzernen Eckbank, vor sich je einen großen Becher mit dampfendem Inhalt. Als er ins Zimmer trat, schauten sie auf, kniffen wie auf Kommando die Augen zusammen und verzogen ihre Gesichter zu einem Schmunzeln. „Was ist das denn? Ein mutiertes Angorakaninchen?“, frotzelte die rothaaige. „Jessika, sei doch nicht so gemein. Sicher ist er nur erkältet und seine Mami hat ihn deshalb schön warm eingepackt,“ entgegnete die mit der Bubikopffrisur. „Ihr seid Hexen, alle beide,“ schimpfte die, die Peter ins Haus geführt hatte. „Es hat sicher einen Grund, warum er so herum läuft. Möchten Sie ablegen?“ „Oder sollen wir sie rupfen,“ kreischte wieder die rothaarige und rutschte vor Lachen unter den Tisch. „Ha, ha,“ erwiederte Peter. Etwas besseres fiel ihm in diesem Moment nicht ein. Unbeholfen zupfte er die Handschuhe von seinen Händen und stopfte sie in die Tasche. Dann löste er den Knoten der Mütze, steifte sie vom Kopf und zog schließlich den Schal von seinen Schultern. „Die unter dem Tisch heißt Jessika ...“ Eine Hand erschien winkend über der Tischkante. „Sie war bis gerade eben eine Freundin. Die daneben nennt sich Hilli, heißt aber Hiltrud.“ „Eva!“, empörte sich Hilli. „Ja und nun wissen sie auch meinen Namen,“ sagte diese. „Ich bin Peter.“ „Nicht Petra?“, kreischte es unter dem Tisch hervor und die Hand schlug dazu im Takt auf die Tischplatte. „Nein, so heißt meine Freundin. Sie ist auch der Grund, warum ich in diesem Outfit unterwegs bin,“ entgegnete Peter mit aufkeimender Wut. Der Rotschopf tauchte hinter der Tischkante auf. „Nicht gleich sauer werden! Ich habe eben noch niemanden gesehen, der so dick und flauschig eingepackt ist, wie sie, erst recht keinen Mann.“ „Stimmt,“ bestätigte Hilli nickend. „Ungewöhnlich, aber sicher schön weich.“ „Superweich,“ ergänzte Eva, ließ ihre Wange durch den üppigen Flausch an Peters Arm gleiten und schnurrte dabei so leise, daß es mehr zu ahnen, als zu hören war. „Und wie kam es nun dazu, daß sie als Kuschelbär unterwegs sind?“, fragte Hilli neugierig. „Das ist eine längere Geschichte,“ antwortete Peter. „Wie haben Zeit,“ sagte Jessika und setzte sich wieder ordentlich auf die Bank. Ohne zu fragen holte Eva ein Glas und eine Flasche Mineralwasser aus der Küche nebenan, stellte beides vor Peter auf den Tisch und sagte: „Setzten sie sich und erzählen sie.“ „Vor ein paar Tagen lernte ich Petra, meine Freundin bei einer Hochzeit kennen,“ begann Peter, schenkte sich das Glas randvoll ein und trank es in einem Zug aus. „Weiter, weiter,“ drängte Jessika. Über eine halbe Stunde lang sprach nur einer, und das war Peter. Es tat unendlich gut, sich das erlebte von der Seele zu reden. Zwischendurch machte er immer wieder eine kleine Pause, zog die dicke und viel zu warme Angorajacke aus, trank einen Schluck Sprudel, ließ etwas Luft an seinen flauschig umhüllten Hals, beobachtete, wie Eva, die sich seine Mütze gegriffen hatte, unablässig durch den weichen Flausch streichelte oder schaute einfach nur kurz in die gespannten Gesichter der Mädchen. Als er am Ende seiner Geschichte angelangt war, herrschte minutenlanges Schweigen. Kein Lachen, kein Grinsen, nur Stille. Jessika, wer sonst, fand als erste die Sprache wieder. „Also, wenn sie, wenn du nicht in diesem Aufzug vorhin zur Türe herein gekommen wärst, würde ich dir kein Wort glauben.“ „Geht mir genau so,“ bestätigte Hilli. „Mir wurde schon so manche Lügengeschichte aufgetischt, aber dein Fusselfummel ist echt.“ „Ich weiß gar nicht, was ihr habt,“ sagte Eva. „Also ich finde ihn richtig schnuckelig in seinen Angorasachen.“ „Du nun wieder,“ stöhnte Jessika. „Dein Anbaggern kannst du dir sparen. Hast doch gehört, der Typ ist so verliebt, daß er für seine Freundin sogar sein Leben riskiert.“ „Ich habe nicht gebaggert!“, entgegnete eine schmollende Eva. „Der Pulli steht ihm doch super. Und die Jacke finde ich sogar traumhaft.“ „Schon, aber die Mütze und die Hose, na ich weiß nicht.“ „Wollen wir nun über Männermode diskutieren oder überlegen, wie wir Peter helfen können,“ meldete sich Hilli zu Wort. Alle schauten Peter an, der trotz der unglücklichen Situation das Modethema eigentlich ganz gerne noch etwas ausführlicher besprochen hätte. Aber wie Hilli schon sagte, Hilfe war das, was er jetzt am dringensten brauchte. „Mit ein paar Litern Benzin und ein paar unauffälligeren Klamotten wäre mir schon gedient. Dann verschwinde ich, denn ich möchte euch nicht auch noch in die Sache hineinziehen,“ sagte er. „Das hast du schon,“ korrigierte ihn Jessika. „Benzin wäre kein Problem, die Klamotten schon eher. Vorallem aber mußt du den schwarzen Mercedes loswerden. Daran erkennt man dich doch sofort.“ „Weiß ich, aber wie komme ich hier in diesem Nest an ein anderes Auto?“ „Nichts leichter als das,“ jubelte Jessika. „Du nimmst meins und wir kommen mit.“ „Spinnst du?“, fragte Hilli und tippte sich an die Stirn. „Jessy hat recht.“ Eva rieb sich das Kinn und fuhr fort. „Endlich ist Jessikas Klapperkiste zu etwas zu gebrauchen.“ „Hee!“ „War nur Spaß. Jessy ist total vernarrt in ihren monströsen Landrover. Er ist alles andere als eine Rakete, aber mit der Kiste kommt man überall durch. Die Förster, Bauern und sogar die Polizei aus der Gegend haben so ein Gefährt. Darin haben wir alle Platz und ...“ „ ... jeder glaubt, der Förster Huber macht mit seinen drei Hasen eine Landparty,“ ergänzte Peter. Alle brachen sie in schallendes Gelächter aus. Es schien beschlossene Sache zu sein. „Endlich ist hier mal was los,“ rief Jessika und streckte jubelnd ihre Arme in die Höhe. „Ich muß euch warnen: es kann ziemlich gefährlich werden. Mit den Typen, die uns bedrohen ist nicht zu spaßen,“ machte Peter deutlich. „Wir haben’s vernommen,“ antwortete die aufgedrehte Jessika und wühlte vor Aufregung in ihren roten Haaren. „Nun zu deinen Klamotten. Den Pulli behälst du an, der sieht klasse aus.“ „Aber ...,“ Peters Versuch sich zu widersetzen scheiterte kläglich. „Kein ABER. Langweilige Männer in noch langweiligeren Polohemden gibt’s genug. Endlich mal einer, der nicht nur behauptet, ein Kuschelbär zu sein, sondern auch einer ist. Hab’ ich recht?“ Peter schwieg. „Ob ich recht habe?“ Liebe Zeit, hat die ein Temperament, dachte Peter und nickte artig. „Hilli, deine Jeanslatzhose müßte ihm einigermaßen passen,“ fuhr sie energisch fort. „An dir sieht sie sowieso unmöglich aus.“ „Jetzt reichts aber!“ Hilli drohte lächelnd mit ihrer zierlichen Faust. „Von mir bekommst du eine blaue Steppweste und eine Baseballkappe.“ „Habt ihr nicht vielleicht eine richtige Jacke,“ fragte Peter. „So eine mit Ärmeln und hohem Kragen.“ „Evas Flokati vielleicht,“ schlug Jessi vor. „Die Weste, ich nehme die Weste,“ sagte Peter heftig nickend. „Ist die irgendwie auf Koks oder so?“, flüsterte er Eva zu. „Nö, sie wirkt nur heute ein bißchen müde. Sonst ist sie lebhafter,“ anwortete diese schmunzelnd. „Ich überlege mir ernsthaft, ob ich mich nicht doch lieber von den Gangstern erschießen lasse.“ Peter verdrehte die Augen und überließ sein Schicksal anschließend den drei Frauen.
Während Jessika und Hilli die besprochenen Kleider zusammensuchten, packte Eva Peters Mütze, den Schal und die Angorajacke in eine große Tüte. „Gibst du mir bitte die Angorahose, damit ich sie auch gleich einpacken kann. Keine Angst, ich habe schon einmal nackte Männerbeine gesehen.“ „Wenn sie nur nackt wären,“ entgegnete Peter und streifte die flauschige Hose herunter. Ausgerechnet in diesem Moment mußte Jessika wieder in die Stube kommen. „Der Typ hat ja Angorastrumpfhosen an. Ich werd’ nicht mehr. Ich wußte ja gar nicht, daß es überhaupt Angorastrumpfhosen gibt.“ „Offensichtlich doch. Mit Liebe gestrickt,“ sagte Peter und streckte ihr seine Zunge heraus. Dann griff er sich die Latzhose, die Hilli ihm reichte und schlüpfte so rasch es ging hinein. „Na wer sagt es denn,“ meinte Eva mit kritischem Blick. „Der Kerl sieht aus wie eine gute Party.“ „Baggert die doch schon wieder,“ grinste Jessy. Hilli warf ihren Freundinnen einen mahnenden Blick zu. Dann schlug sie vor, zunächst den Mercedes in die Scheune hinter dem Haus zu fahren, anschließend ein paar Sachen zusammen zu packen und vielleicht könnte man danach versuchen, Peters Freundin anzurufen.
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