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Kapitel 3
Angst und Ungewißheit hatten viel Kraft gekostet. Die drei Freunde waren erschöpft und müde. Petra war in besonders schlechter Verfassung. Wie ein Häufchen Elend hing sie im Gurt, war kreidebleich und atmete schwer. Peter grub seine Hand in den dichten Flausch und kraulte ihre Schulter. “Wohin jetzt?” wollte Kathrin wissen, als sie den Wegweiser zur Autobahn passierten. “Zu mir nach Hause,” bat Petra. “Das ist viel zu gefährlich,” gab Peter zu bedenken und massierte ihren Hals. “Wenn die Entführer merken, daß du befreit worden bist, werden sie dich zuerst bei dir zu hause suchen. Wir fahren zu mir. Niemand kennt mich. Bei mir bist du einigermaßen sicher.” “Wahrscheinlich hast du recht. Aber ich ich muß ein paar Kleider und persönliche Dinge aus dem Haus holen.” “Na gut, aber es muß schnell gehen,” sagte Kathrin, “und wir wollen zuerst nach unseren Freunden im roten Toyota sehen. Wenn sie noch vor der Firma auf uns warten, können wir den Umweg zu deinem Haus riskieren. Wenn nicht, dann wissen sie bereits, daß du abgehauen bist und lassen das Haus sicher beobachten.”
Es kam fast soetwas wie Wiedersehensfreude auf, als sie den roten Toyota passierten, der immernoch unbewegt an der Straße vor LISTRONIC parkte. Für einen kurzen Augenblick konnten sie die zwei Männer sehen, die angestrengt hinauf zu den beleuchteten Bürofenstern der Firma starrten. Peter fiel das Halteverbotschild auf, das nur wenige Meter weiter stand. “Halt mal kurz an,” rief Peter, als eine Telefonzelle in Sicht kam. “Warum?” wollte Kathrin wissen. “Tu es einfach.” Kathrin bremste scharf, Peter sprang aus dem Wagen und eilte in die Telefonzelle. Mit fragendem Blick beobachteten die beiden Frauen, wie Peter eine kurze Nummer wählte, eine knappe Minute lang in den Hörer sprach und dann wieder auflegte. “Wen hast du angerufen?” fragte Petra. “Na als guter Bürger hat man doch die Pflicht, ungewöhnliche Beobachtungen der Polizei zu melden. Findet ihr es denn nicht seltsam, wenn zwei Männer stundenlang in ihrem Wagen sitzen und eine Firma beobachten, die unter anderem für die Rüstung arbeitet. Außerdem steht der Toyota im Halteverbot. Die Polizei wird sich darum kümmern.” “Ganz schön gerissen,” sagte Petra und kicherte. “Schade, daß wir keine Zeit haben, um zu sehen, was passiert,” sagte Kathrin und drückte aufs Gas.
Während sie schon auf der Autobahn waren, wunderten sich zwei Männer darüber, daß ein Polizeiwagen hinter ihrem Auto parkte, zwei Beamte ausstiegen und mit den Händen an den Pistolenhalftern auf sie zu gingen. Einer der Polizisten baute sich vor dem Toyota auf und notierte sich das Kennzeichen. Der andere bat die beiden Männer höflich auszusteigen und die Personalausweise zu zeigen. Da verlor der Fahrer die Nerven. Er, der sich plötzlich an sein stetig wachsendes Vorstrafenregister erinnerte, startete den Motor und gab Gas. Es wäre sicher ratsam gewesen, auch einen Gang einzulegen. Bei heulendem Motor rührte der in Panik geratene Mann im Getriebe bis der Schalthebel endlich und mit lautem Krachen einrastete. Der Toyota machte einen Satz nach hinten und kam im Motorblock des Polizeifahrzeugs zum Stehen. Die Beamten hatten bereits ihre Waffen gezogen und nach nur wenigen Minuten saßen die beiden, die Hände fest auf den Rücken gefesselt auf dem Rücksitz des Polizeiwagens und wartenden fluchend auf das Eintreffen weiterer “Bullen”.
Indessen war der weiße Opel bereits in Petras Wohngebiet eingebogen. Um sich zu vergewissern, daß keine weitere Überraschung auf sie wartete, fuhr Kathrin am Haus ihrer Freundin zuerst einmal vorbei. Alles war wie sonst, als wäre nichts geschehen. Die Lage schien sicher zu sein. Sie fuhr noch einmal um den Häuserblock, bevor sie unmittelbar vor Petras Haus stoppte. Den Motor ließ sie vorsichtshalber laufen. “Wir sind gleich wieder da,” sagte Peter, verdrehte die Augen und eilte Petra hinterher, die schon ausgestiegen war. Auf dem Weg zum Haus kramte sie in ihrer Jackentasche nach den Schlüsseln. Gar nicht so einfach, wenn man gleich drei Paar Handschuhe trägt. “Laß mich das machen, sagte Peter, tauchte mit seiner Hand in den weichen Flausch ihrer Angorajacke, suchte die Öffnung der Tasche und kramte nach dem Schlüsselbund. Erst dann fiel ihm ein, daß er die Schlüssel in seiner eigenen Hosentasche hatte. Als er die Türe aufschloß, überkam ihn ein mulmiges Gefühl. Was wenn die Entführer hier bereits auf sie warteten? Gleich würde er den kalten Lauf einer Pistole an der Schläfe fühlen oder einen harten Schlag ins Genick bekommen. Er machte einen vorsichtigen Schritt in den Flur und wurde im nächsten Moment von Petra fast über den Haufen gerannt. “Ich dachte, wir haben es eilig,” meinte sie. “Hilfst du mir beim Packen?” “Ja, klar,” sagte er, doch Petra war bereits im Schlafzimmer verschwunden. Achselzuckend folgte er ihr.
Staunend stand er inmitten eine überwältigend eingerichteten Schlafzimmer. Es war ein Traum aus Flausch und Pelz. Der Fußboden war komplett mit dicken Lammfellen ausgelegt, über dem Metallgitterbett lag eine gigantisch große und kostbare Decke aus weißem, weichem Fuchspelz, die Kissen darauf hatten allesamt einen flauschigen Überzug aus Angorastrick. Peter träumte davon, seine Freundin zu packen, auf das traumhaft kuschelige Bett zu werfen und hemmungslos mit ihr ... In diesem Moment wurde er fast von einem riesigen Samsonite-Koffer erschlagen, der quer durch das Zimmer geflogen kam und vor ihm auf dem Bett landete. Sein “was soll das” erstickte in einem Meer aus Angoraflausch, das zu einem dicken Pullover gehörte, der ihn mitten im Gesicht traf. Noch bevor er sich ein paar lange Flusen aus dem Mund fischen konnte, kam schon die passende Angorastrickhose geflogen. Der Koffer füllte sich in Windeseile mit einem Berg der kuschelweichsten Kleidungsstücke, die man sich vorstellen konnte. “Das genügt, das genügt,” rief Peter, “der Koffer ist voll.” “Dann nimm den nächsten,” gab Petra zur Antwort und schubste einen zweiten ins Zimmer. “Ich habe noch lange nicht alles, was ich brauche.” Am Ende hatte Petra beide Koffer, außerdem eine große und eine kleine Reisetasche mit Kleidung und dazu noch eine Ledertasche mit allerlei Toilettenartikeln gefüllt. “Ich brauche eine größere Wohnung,” sagte Peter mit ironischem Unterton zu Kathrin, als er die ersten Gepäckstücke in den Kofferraum lud. “Warum, zieht sie bei dir ein?” fragte sie grinsend. “Beeilt euch bitte.” “Sag ihr das, nicht mir, stöhnte Peter und ging zurück ins Haus. Petra leerte inzwischen den Garderobenschrank. Kaum stand er kopfschüttelnd neben ihr, wurde er auch schon mit zahlreichen, voluminösen Pelzen und dicken Angorastrickjacken beladen. “Petra, wir haben nur einen kleinen Opel, keinen Tieflader, und schon gar keine Zeit. Bitte, wir wollen das Schicksal nicht herausfordern. Komm jetzt!” “Ja, sofort. Du kannst schon zum Wagen gehen. Ich habe nur noch eine Kleinigkeit vergessen.” Das gibt es doch nicht, dachte Peter und balancierte den Stapel Mäntel und Jacken zum Auto. Schon auf er Türschwelle bekam er noch einen weißen Fuchspelz über die Schultern gehängt. Er konnte den Weg zum Auto nur erahnen, stolperte und schwankte mehr, als daß er ging. Kathrin sah das Unheil kommen, krabbelte aus dem Auto, öffnete die Tür zum Fond und schob den schwerbeladenen Peter mitsamt aller Pelze und Angorastricksachen auf die Rückbank. Dann nahm sie Petra in Empfang, die die riesige Pelzdecke von ihrem Bett, drei dicke Angoradecken und etliche Kissen anschleppte. Der Kofferraum vermochte nur noch einen Teil der Sachen aufzunehmen, der Rest wurde zu Peter auf die Rückbank gepackt. Da saß er nun, nahezu bewegungsunfähig und bis über den Kopf mit pelzigen und flauschigen Textilien zugedeckt. “Wohin müssen wir fahren?” wollte Kathrin wissen und ließ den Wagen anrollen. Peter befreite sein Gesicht vom Ärmel einer hellgrauen Angorajacke, spuckte ein paar Fusseln aus und begann damit, den Weg zu sich nach Hause zu beschreiben.
Eine gute, halbe Stunde später saßen alle drei bei einer Tasse Kaffee im Wohnzimmer von Peters Junggesellenbude und versuchten sich zu entspannen. Petra schälte sich aus Mütze, Schal und Handschuhen, zog es aber vor, ihre dicke Angorajacke anzubehalten. Anschließend wühlte sie durch ihre blonde Mähne und ließ die Locken auf ihre flauschig eingehüllten Schultern fallen. Dann kuschelte sie sich in ihre herrliche Angorajacke, lehnte sich nach hinten und stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Endlich in Sicherheit. Vorerst, denn noch war die Geschichte nicht durchgestanden.
“Habt ihr auch Hunger? Also ich könnte jetzt einen ganzen Elefanten verspeisen.” Petra und Kathrin nickten vehement mit den Köpfen. “Gut, dann werde ich uns eine Pizza holen, die größte, die es gibt. Einverstanden?” Wieder nickten die beiden und leckten sich die Lippen. “Bin schon unterwegs. Petra, du solltest inzwischen deinen Vater anrufen und ihm sagen, daß du in Ordnung bist. Am besten wäre es, wenn du deine Eltern zu einer Reise, möglichst weit weg, überreden könntest. Hier sind die beiden nicht sicher.” Peter machte sich auf den Weg zum Italiener, jedoch nicht ohne einen kleinen Abstecher zu seinem Kleiderschrank. Dort tauschte er den kuscheligen Angorapulli gegen eines seiner Sweatshirts. Nach fast einem ganzen Tag in einem flauschig weichen Pullover aus reiner Angorawolle schien das Shirt aus Stahlwolle zu sein. Wehmütig schaute er auf den blauen Kuschelpullover, doch das Risiko beim Italiener auf Freunde oder Bekannte zu treffen, war ihm zu groß. Man tuschelte ohnehin schon über ihn und fragte sich, warum er noch immer keine Freundin hatte. Achselzuckend machte er sich auf den Weg zum Pizzaholen.
Wie erwartet traf er schon auf dem Parkplatz vor dem italienischen Restaurant auf ein gut befreundetes Ehepaar. Nur um ganz sicher zu gehen, vergewisserte er sich, ob ernicht doch noch den verfänglichen Angorapulli trug. “Hallo Peter, neues Auto?” fragte sein Freund Rainer. “Nein, der Geschäftswagen meiner Freundin,” prahlte er stolz. “Ach deshalb sieht man dich in letzter Zeit nur noch selten.” “Ja,” antwortete er und verheimlichte, daß er Petra erst vor gut 24 Stunden kennengelernt hatte. “Vielleicht habt ihr Lust irgendwann mal mit uns Essen oder ins Kino zu gehen,” schlug Lora vor. Sie haßte diesen Namen, eigentlich hieß sie ja Carola, aber in Bezug auf Kleidung hatte sie einen ungewöhnlichen Geschmack. Jeder, der ihr begegnete wurde unweigerlich an einen Papagai erinnert. “Prima Idee! Wir telefonieren, ok? Sorry, ich hab’s ein bißchen eilig.” “Klar, die Geliebte wartet,” scherzte Rainer. “Glückwunsch, mein Alter.” “Danke,” sagte Peter und bestellte zweimal Pizza in Familiengröße.
Die Pizzas waren in Rekordzeit bis auf den letzten Krümel verschlungen. Kathrin scheute sich nicht einmal davor, ein paar Käsereste vom Deckel der Pappschachtel zu kratzen. Abgesehen von Kaffee war das für alle die erste Mahlzeit des Tages. “Und wie geht es nun weiter?” fragte Petra. “Meine Eltern treten in diesem Augenblick wahrscheinlich schon ihre Weltreise an, aber was wird aus uns, und was ist mit den Leuten aus der Firma?” “Gute Frage,” meinte Kathrin. “Schon bei dem Gedanken daran, daß ich irgendwann in meine Wohnung zurück muß, bekomme ich echt Angst. Die Verbrecher kennen meine Adresse mit Sicherheit auch.” “Das ist ziemlich wahrscheinlich. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du hier auf dem Sofa übernachte, solange du willst,” schlug Peter vor. Kathrin lächelte dankbar. “Aber ich brauche auch ein paar Klamotten aus meiner Wohnung.” “Oh nein!” “Keine Angst, Nur ein Nachthemd und einige Kleider zum Wechseln, nicht meinen gesamten Hausrat,” versprach sie mit einem dezenten Augenzwinkern zu Petra. “Schon gut,” erwiderte diese und steckte den beiden Freunden die Zunge raus. “Fahren wir,” setzte sie hinzu. “Nein, du bleibst hier und läßt dir etwas einfallen, wie wir die Firma und vor allem unsere Leute schützen können.” “Bitte laßt mich nicht alleine. Ich habe Angst,” sagte Petra und sprang von ihrem Sessel auf. Peter nahm sie fest in seine Arme, streichelte und küßte sie zärtlich, doch dann drückte er sie mit sanfter Entschlossenheit zurück auf ihren Platz. “Wir sind so schnell es geht wieder zurück. Du mußt wirklich keine Angst haben. Niemand weiß, daß du hier bist. Komm Kathrin.” Mit glasigen Augen schaute Petra ihren Freunden nach. Sie kam sich vor wie ein kleiner Hund, der in der einsamen Wildnis ausgesetzt wurde. Dann jedoch besann sie sich auf ihre Aufgabe, die man ihr aufgetragen hatte. Aber wie nur sollte sie verhindern, daß die Firma oder gar deren Belegschaft zur Zielscheibe von SIR würden?
Kathrin hatte sich an ihr Versprechen gehalten und nur das Notwendigste eingepackt. Es paßte spielend in zwei große Koffer und einen altersschwachen Wäschekorb. Nur der silberfarbene Fuchsmantel hatte nirgendwo mehr Platz gefunden. Also hatte sie ihn kurzerhand über ihre Parka gezogen. Während Peter im Auto wartete, beobachtete er scharf die Umgebung. Er mußte davon ausgehen, daß die Entführer inzwischen Petras Flucht bemerkt haben mußten. Bei jedem Wagen, der in die Wohnstraße fuhr, begann sein Herz heftig zu pumpen und seine Hände wurden feucht. Er rutschte tief in den Sitz und tauchte erst wieder auf, wenn das fremde Fahrzeug schon längst verschwunden war. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit bis Kathrin wieder vor dem Mehrfamilienhaus, in dem sie erst seit kurzem wohnte, wieder auftauchte. Es war wie eine Erlösung, als sie neben ihm saß und er Gas geben konnte.
Petra wartete lange und geduldig auf die geniale Idee, wie sie ihre Firma und die Angestellten vor Anschlägen oder ähnlichen Aktionen der Verbrecher schützen könnte. Sie war jedoch noch immer so aufgewühlt und nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Vielleicht würde es helfen, für einen Moment die Augen zu schließen und zu entspannen. Dachte es und war Sekunden später eingeschlafen.
Als Peter den Opel vor seiner Wohnung abstellte, begann es zu schneien. Es fielen nicht nur ein paar Flocken, es war ein regelrechtes Schneetreiben. Unter anderen Umständen hätte er sich über die Aussichten auf weiße Weihnachten sicher gefreut, im Moment aber verschwendete er keinen Gedanken daran. Er wollte nur weg von der Straße und schleppte eilig Kathrins Gepäck vom Auto zum Haus. “Hallo Petra, wir sind zurück!” rief er, trat ins Wohnzimmer und erstarrte vor Schreck. Petra saß auf dem Sofa, den Kopf nach hinten gekippt, den Mund halb offen und die Augen geschlossen. “Oh Gott, Petra,” schrie er und stürzte auf sie zu. Er packte sie am Kragen ihrer flauschigen Jacke und schüttelte sie kräftig. “Wassollndas?” fragte sie wie in Trance. “Hast du mir einen Schreck eingejagt. Ich dachte schon, die Entführer hätten dich gefunden und ... na ja, du weißt schon.” Er schlang seine Arme um Petra und knuddelte und küßte sie erleichtert. Der unbeschreiblich weiche Angoraflausch wirkte wie ein Beruhigungsmittel. “Entschuldigt, wenn ich Euch störe,” sagte Kathrin schüchtern. “Konntest du etwas erreichen, Petra?” “Was meinst du?” “Die Firma, meine ich. Konntest du jemanden erreichen und warnen?” “Nein, tut mir leid. Nachdem ihr weg wart, bin ich eingeschlafen.” “Petra, was ist los mit dir. So kenne ich dich gar nicht. Kannst du dich nicht zusammenreißen? Du hast schließlich die Verantwortung für deine Leute.” “Dir ist wohl entgangen, was ich heute mitgemacht habe. Ich bin entführt worden, erinnerst du dich? Ich bin ziemlich fertig,” entgegnete Petra mürrisch. “Stell dir vor, wir auch. Aber die Sache ist noch nicht ausgestanden,” antworte Kathrin und machte ein saures Gesicht. “Sagt mal, Mädels, spinnt ihr? Jetzt ist nicht die Zeit zu streiten,” sagte Peter mit einem sanften Lächeln. “Wir sitzen alle im selben Boot und müssen zusammenhalten. Wieviele Menschen arbeiten bei LISTRONIC?” “143 sind es, glaube ich. Entschuldige, Petra.” “Schon gut. Mir tut es auch leid.” Nun ließ auch Kathrin sich auf dem Sofa nieder, legte ihre Arme um ihre beiden Freunde und begann aus Ratlosigkeit und Verzweiflung zu weinen. Es dauerte nicht lange, da liefen auch Petra die Tränen über die Wangen und wurden vom dichten Flausch ihrer Angorajacke aufgesogen. Selbst Peter mußte gegen einen dicken Klos im Hals ankämpfen.
Nachdem sich alle drei ein wenig gefaßt hatten, schlug Kathrin vor, alle Abteilungsleiter der Firma anzurufen. “Wir könnten ihnen erzählen, daß die Heizung ausgefallen sei und die Betriebsferien deshalb schon früher beginnen. Dann werden wir sie bitten, ihre Kollegen und Mitarbeiter informieren. Somit wäre zumindest die Belegschaft für gute zwei Wochen außer Gefahr. Gleich morgen werden wir unseren Sicherheitsdienst mit der stärkeren Überwachung der Firma beauftragen.” Peter hatte sich bereits den Telefonhörer gegriffen und übergab ihn Petra. Kathrin zückte ihr Adressbuch und diktierte die Telefonnummer des ersten Mitarbeiters auf der Liste. Trotz ihrer Anspannung klang Petra recht glaubwürdig, als sie Herrn Arleg, dem Laborleiter, die Geschichte von der ausgefallen Heizung erzählte. Vollends überzeugt war er, angesichts der vorverlegten Betriebsferien. Er versprach nicht nur, alle Kollegen aus seiner Abteilung zu benachrichtigen, sondern erklärte sich sogar bereit, am nächsten Morgen vor dem Firmeneingang auf alle nichtinformierten zu warten, um sie nach Hause zu schicken. Innerhalb einer knappen Stunde waren alle Telefonanrufe erledigt. Erschöpft aber erleichtert ließen sich die drei in die Sofakissen sinken und atmeten zuerst einmal richtig durch. “Und was wird nun aus uns?” fragte Petra. “Wir können uns doch nicht ewig in dieser Wohnung verstecken.” “Ich glaube, nun ist es an der Zeit, die Polizei zu informieren,” antwortete Kathrin entschlossen und griff ein letztes Mal zum Telefon.
Nur wenige Minuten nach Peters Anruf wurden die Ermittlungen gegen die Unternehmen IS Immobilien und Reiter & Immeran Spielwaren sowie deren Geschäftsführer und leitende Angestellte aufgenommen. Büros und Privatwohnungen wurden durchsucht, belastendes Material und Waffen gleich bergeweise beschlagnahmt. Einige der Festgenommenen standen schon lange auf den Fahndungslisten, nicht nur in Deutschland. Auf sie wartete eines von vielen Weihnachtsfesten hinter Gittern.
Auch Peter, Kathrin und vor allem Petra wurden eingehend zu den Geschehnissen des Tages befragt. Doch so sehr sie sich auch bemühten, viel kam dabei nicht heraus. Peter war gleich zu Beginn der Entführung außer Gefecht gesetzt worden, sein schmerzender Nacken würde ihn noch lange daran erinnern. Petra hatte nur ein paar maskierte Gestalten zu Gesicht bekommen, bevor man ihr die hellblaue Angorastola über das Gesicht gebunden wurde. Darüber hinaus verbrachte sie den Großteil ihrer Gefangenschaft in der absoluten Dunkelheit eines verlassenen Treppenhauses. Die Enttäuschung über die dürftigen Aussagen war den Ermittlungsbeamten ins Gesicht geschrieben.
Gegen Mitternacht kam die Nachricht, daß die Polizeiaktion mit großem Erfolg abgeschlossen werden konnte. Viele der Festgenommenen hielten offenbar wenig von Loyalität gegenüber ihrer Organisation und begannen zu plaudern, kaum daß sich die Handschellen um ihre Handgelenke geschlossen hatten. So erübrigten sich vorerst weiteres Bohren nach wichtigen Details, die bei der bisherigen Beschreibung des Tathergangs möglicherweise vergessen wurden. Man riet den drei Freunden stattdessen ein paar Tage Urlaub zu machen, um sich von den Strapazen des Tages zu erholen.
“Gar keine schlechte Idee,” sagte Petra, als die Kriminalbeamten wieder gegangen waren. “Was meinst du?” fragte Kathrin. “Urlaub!” antwortete Petra. “Was haltet ihr davon ein paar Tage in die Berge zu fahren, um auf andere Gedanken zu kommen. Oder habt ihr schon etwas anderes vor.” “Naja, arbeiten eben,” antwortete Peter. Kathrin schüttelte den Kopf. “Aber wo willst du jetzt noch ein Quartier bekommen. Die Urlaubsorte sind vermutlich bis aufs letzte Zimmer ausgebucht.” “Das kann uns doch egal sein. Meine Eltern haben vor Jahren ein einsam gelegenes Bauernhaus in den bayerischen Alpen gekauft und zum Ferienhaus umgebaut. Es liegt zwar völlig abseits der Touristenzentren, aber das kann uns ja gerade recht sein. Also ich sehne mich geradezu nach Ruhe und Entspannung. Was ist mit euch? Kommt ihr mit?” “Das klingt wirklich verlockend, aber ich muß morgen wieder zur Arbeit,” entgegnete Peter ein wenig traurig. “Es sind nur noch drei Tage bis Weihnachten,” meinte Kathrin und legte ihren Arm um Peter. “In dieser Zeit wird ohnehin nicht mehr viel gearbeitete. Du rufst gleich morgen in deiner Firma an und bittest um Urlaub. Dein Chef wird sicher Verständnis haben, wenn du ihm erzählst, was heute passiert ist. Und wenn nicht, dann fängst du im neuen Jahr bei LISTRONIC an.” “Hört sich gut an,” stammelte Peter. “Aber ich habe von Elektronik keinen blassen Schimmer. Ich bin ja schon froh, daß ich meine Kaffeemaschine einschalten kann, ohne vorher einen Elektofachmann zu bestellen.” “Was bist du denn von Beruf?” fragte Kathrin neugierig. “Ich bin im Marketing einer Möbelfabrik beschäftigt.” “Oh, ... äh, LISTRONIC braucht schon lange eine Marketingabteilung, nicht wahr Petra?” “Aber ja, dringend sogar.” “Ihr seid süß, wißt ihr das?” sagte Peter ein wenig beschämt. “In Ordnung, überredet, ich komme mit.” “Super,” jubelte Petra und fiel ihm stürmisch um den Hals. Peter tauchte ein in ein Meer aus kuschelweichem Angora, streichelte durch herrlich dichten Flausch und wußte, daß er sich richtig entschieden hatte.
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