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Kapitel 2

Der neue Morgen kam mit wolkenlosem Himmel und eisiger Kälte. Peter brauchte nicht
erst die Nase nach draußen zu stecken. Die mit Raureif überzogene Landschaft machte
eindrucksvoll deutlich, daß warme Kleidung angesagt war. Peter freute sich auf den Tag,
den er mit einer heißen und vor allem ausgiebigen Dusche begann. Es folgte das
Zähneputzen und Rasieren, dem Anlaß entsprechend besonders gründlich. Danach baute er
sich vor seinem Kleiderschrank auf und überlegte, was er anziehen sollte. Er wollte gut
aussehen, aber nicht overdressed. Ärgerlich mußte er feststellen, daß seine Garderobe
nicht gerade auf dem aktuellen Stand der Mode war. Da ihm die Zeit davon lief, entschied
er sich letztlich für seine besten Blue-Jeans und ein grünes Holzfällerhemd aus
Baumwollflanell, dazu dunkelblaue Socken und braune, derbe Stiefel. Ganz ordentlich, fand
Peter und schlüpfte in seine braune Lederparka. Nur noch eine halbe Stunde Zeit, Peter
mußte sich beeilen. Es waren immerhin gute zehn Kilometer bis zu Petra und zu spät
kommen, das war das letzte, was er wollte.

Die Straße, in der Petra wohnte, war schnell gefunden. Eine gute Viertelstunde vor dem
vereinbarten Zeitpunkt stellte er seinen Wagen vor einem kleinen Reihenhäuschen ab. Er
verglich noch einmal die Hausnummer mit der auf der Visitenkarte abgedruckten Zahl, nur um
ganz sicher zu gehen. Sie stimmte, er war richtig. Und nun? Eine Zigarette hätte ihm
vielleicht ein wenig geholfen, seine Nervosität zu überwinden, aber nach Rauch stinken,
nein! Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten und die Uhr in seinem
Armaturenbrett anzustarren. Um 9:48 konnte er die Anspannung nicht mehr erwarten. Er
mußte raus aus dem Auto. Er zitterte. War es nun die Erregung oder nur die Kälte? Egal,
er ging zur Haustür, laß auf dem kleinen Schildchen am Briefkasten den Namen P. List und
drückte den Klingelknopf.
"Ja?", kam es aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage.
Vor Schreck wußte Peter nicht, wie er sich melden sollte.
"Peter, bist du es?"
"Ja!"
"Schon? Ich habe total verschlafen."
Der Türöffner summte und Peter trat in einen hellen Flur voller Pflanzen. Zischen zwei
großen Palmen führte eine breite Wendeltreppe in den zweiten Stock.
"Komm nur rauf," rief Petra von oben.
Peter war ziemlich enttäuscht, als der das Ende der Treppe erreicht hatte und Petra sah.
Sie war ausgesprochen hübsch, aber weite Jeans und ein schlabbriges Sweat-Shirt, das war
nicht die Kleidung, die er sich gewünscht hatte.
"Schön, daß du gekommen bist. Möchtest du einen Kaffee trinken?"
"Gerne."
Für einen Augenblick verschwand sie in der Küche, kehrte aber bald mit zwei dampfenden
Becher zurück.
"Milch und Zucker stehen auf dem Tisch. Möchtest du?"
"Ja, beides."
"Bist wohl auch ein Süßer. Setz dich! Entschuldige, aber ich will mich noch schön
machen und muß dich leider für ein paar Minuten alleine lassen."
"Ist ok," sagte Peter noch, aber sie war schon auf dem Weg ins Erdgeschoß.
Gemütliche Wohnung, dachte Peter, als er sich umschaute. Modern und teuer eingerichtet
mit vielen weiteren Pflanzen aller Art, mit Möbeln aus Chrom, Glas und schwarzem Leder.
Über den beiden Sofas lag jeweils eine Decke aus echtem Fuchspelz, über der Rückenlehne
des einzigen Sessels hing eine feuerrote und herrlich flauschige Angoradecke. Statt
Teppichen lagen zahlreiche Lammfelle auf dem Parkettfußboden. Hier konnte man sich
wohlfühlen, fand er und nuckelte an seinem Kaffee.

Hatte Petra nicht von >ein paar Minuten< gesprochen? Nun war sie schon fast zwanzig
Minuten weg. Die Warterei wirkte alles andere als vorteilhaft auf Peters Nerven. Er
fürchtete schon, daß ihr etwas passiert sein könnte, sie womöglich im Badezimmer
ausgerutscht war, als er endlich Schritte auf der Wendeltreppe hörte. Seine Gesichtszüge
frohren ein. Er merkte nicht einmal, daß er Augen und Mund weit aufgerissen hatte, daß
ihm fast die Zunge heraus hing und seine Hände zitterten. Niemals hätte er es für
möglich gehalten, daß es noch eine Steigerung zu Petras Aussehen während der Hochzeit
geben könnte. Er hatte sich geirrt, und wie! Petra war wieder von Kopf bis Fuß in reine
Angorawolle eingehüllt. Schon der eisblaue, lange Angorapullover mit seinem voluminösen
Rollkragen war unbeschreiblich flauschig und dick. Dazu trug sie eine farblich passende
Angorahose, die knapp über den Fußgelenken endete. Ihre Füße steckten in zierlichen,
weißen Stiefeletten mit schmalen Pelzkragen. Zwischen Hose und Stiefel schaute etwas
weißer Angoraflausch hervor. Hatte sie etwa eine Angorastrumpfhose darunter an? Erst
jetzt bemerkte Peter unter dem Rollkragen ihres herrlichen Angorapullovers einen zweiten
Rollkragen. Ganz offensichtlich hatte sich Petra gleich in mehrere Schichten Angorawolle
gekuschelt. Sie sah einfach phantasisch aus. Vermutlich wußte sie das auch, denn sie
lächelte glücklich.
"Mein Kaffee ist inzwischen sicher kalt geworden," sagte sie und trat an den
Tisch.
"Kein Wunder, du warst ziemlich lange weg. Aber es hat sich gelohnt," meinte
Peter und ließ sich zu einer kurzen Berührung am Arm hinreißen.
"Danke. Schön daß es dir gefällt. Ich bin leider ziemlich verfroren und muß mich
warm einpacken."
Leider? Hatte sie eben leider gesagt? Peter konnte es nicht fassen. Was würde er darum
geben, sich einmal so weich und flauschig einkuscheln zu dürfen. In ihm keimte ein
Gefühl von Neid auf.
"Wie wäre es, wenn wir gleich zu unserem Ausflug aufbrechen. Vielleicht komme ich
unterwegs zu einer Tasse Kaffee," schlug Petra vor.
"Gerne, wohin soll es eigentlich gehen?"
"Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Hast du einen
Vorschlag?"
"Ich war noch nie im Winter am Bodensee. Dort soll es zu dieser Jahreszeit besonders
romantisch sein, heißt es."
"Gute Idee, aber ist das nicht zu weit."
"Ich habe ein schnelles Auto. In einer guten Stunde sind wir dort."
"Wenn das so ist, worauf warten wir noch?"
Petra nahm Peter bei der Hand und zog ihn hinter sich her die Wendeltrappe hinunter. Erst
unten im Flur ließ sie ihn los und trat an einen Garderobenschrank mit verspiegelten
Türen. Plötzlich drehte sie sich zu Peter und schaute ihn mit fragendem Blick an.
"Was meinst du? Pelzmantel oder Strickjacke?"
"Äh, wie? Oh, das überlasse ich dir. Eine Jacke wäre vielleicht
komfortabler."
Mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken stimmte sie ihm zu und öffnete den Schrank. Eine
solche Auswahl verschiedener Pelze hatte Peter bisher nur in Pelzgeschäften gesehen. Es
mochten so an die zwanzig Mäntel und Jacken aus unterschiedlichen Fellen sein. Offenbar
hatte sich Petra bei diesem Anblick spontan anders entschieden und wählte eine lange
Pelzjacke mit Kapuze aus, die an eine Parka erinnerte. Die Außenseite war weiß, die
Innenseite hellblau. Mit einem genüßlichen Ausdruck in ihrem Gesicht schlüpfte sie in
die Jacke und knöpfte sie zur Hälfte zu. Mit einem Mal wurde Peter klar, das war keine
Pelzjacke, nein! Es war eine der dicksten und flauschigsten Angorastrickjacken, die Peter
je gesehen hatte. Während Peter sich noch darum bemühte, seine Fassung zu bewahren,
griff Petra erneut in den Garderobenschrank und brachte noch mehr flauschige
Angorastricksachen zum Vorschein. Der arme Kerl war kurz davor, den Verstand zu verlieren,
als er Petra dabei beobachtete, wie sie sich zuerst eine riesige, weiße Balonmütze über
den Kopf zog und mit den daran angestrickten, dicken Kordeln unter dem Kinn verknotete,
wie sie einen hellblauen Angoraschal - nein, es war die Stola, die sie zur Hochzeit
getragen hatte - über die Schultern drappierte und wie sie schließlich gleich in drei
Paar Fingerhandschuhe aus Angorawolle schlüpfte. Petras dicke Verpackung hätte selbst
einen Eisbären vor Neid erblassen lassen, wenn dessen Fell nicht ohnehin schon weiß
wäre. Doch trotz der vielen Kleiderschichten, sah Petra keineswegs unförmig aus, im
Gegenteil. Nach wie vor bewegte sie sich elegant und geschmeidig. Peter wußte nicht,
welches Gefühl stärker war. Der Neid auf ihre kuschelweichen Angorastricksachen, der
Stolz mit einer so attraktiven Frau ausgehen zu dürfen oder das Verlangen, sie fest in
die Arme zu nehmen, um sie nie mehr wieder loszulassen. Zunächst aber war er schon
dankbar, als sie ihn wieder bei der Hand nahm und aus dem Haus begleitete.
"Oh Gott, ist das kalt heute! Wenn ich das gewußt hätte," stöhnte Petra.
"Wie? Spürst du die Kälte etwa noch?"
"Ja sicher."
"Aber so warm wie du angezogen bist ... ich meine, noch dicker geht es ja wohl
nicht."
"Hast du eine Ahnung! Ich sagte doch, daß ich schrecklich verfroren bin,"
antwortete Petra und kuschelte sich tief in ihre flauschige Angorajacke. "Und bei
deinem Anblick wird mir erst recht kalt," fügte sie hinzu.
"Mir ist nicht kalt, nur ein bißchen frisch."
"Warte hier," sagte Petra plötzlich, ließ ihn neben seinem Wagen stehen und
eilte zurück ins Haus. Einen Augenblick später erschien sie wieder in der Tür und
winkte mit einem leuchtend blauen Angorapullover.
"Kommst du bitte nochmal herein," rief sie ihm zu.
Mit einem Schulterzucken setzte sich Peter in Bewegung.
"Ist noch was?"
"Der müßte dir passen," sagte Petra und drückte ihm den flauschig weichen
Pulli in die Hand.
"Ich sagte doch, mir ist nicht kalt," meinte der und gab ihr den Kuschelpulli
zurück.
"Du willst es nur nicht zugeben. Was ein richtiger Kerl ist, der friert nie, oder? Du
mußt mir nichts beweisen. Also zieh` den Pulli endlich an."
"Aber das ist ein ... äh ... ein Damenpullover."
"Wie kommst du darauf? Er ist weder rosa, noch hat er irgendwelche Rüschen oder
Schleifchen oder Herzchen oder was weiß ich."
"Aber er ist aus Angorawolle," erwiederte Peter.
Was tat er da eigentlich? Er wollte doch so gerne einmal einen kuscheligen Angorapullover
tragen und nun wehrte er sich dagegen.
"Warum sollte ein Mann keine Angorawolle tragen. Das ist doch Blödsinn."
"Aber Angorawolle ist doch so ... ähem, du weißt schon."
Mit spitzen Fingern, als könnte man sich daran verletzten, strichelte er über den feinen
Flaum.
"... flauschig? Gefällt dir das etwa nicht?"
"Doch schon, aber ..."
Peter fiel kein Argument mehr ein. Mehr noch, er mußte Petra Recht geben. Trotzdem, als
sie ihm den flauschigen Pullover wieder in die Hand drückte, dieses Mal mit etwas mehr
Nachdruck, griff er nur zögerlich zu. Doch Petra ließ ihm keine Wahl. Wie einem kleinen
Jungen zog sie ihm die Lederjacke aus, knöpfte sein Hemd auf und streifte es ihm vom
Körper. Als Peter noch immer zögerte, raffte sie den Angorapullover zusammen und
stülpte ihn über Peters Kopf. Weich, war Peters erster Gedanke. Fast automatisch steckte
er die Arme durch die weiten Ärmel. Unglaublich weich, dachte er, während Petra den
Pulli bis über den Hosenbund zog und zurecht zupfte. Schließlich schlug sie den dicken
Rollkragen dreimal um und sagte:
"Du siehst klasse aus."
"Wirklich?"
"Ja, du kannst es mir glauben. Und nun sollten wir wirklich gehen, sonst können wir
unseren Ausflug vergessen."
Noch bevor Peter seine Lederjacke überziehen konnte, wurde er bereits von Petra zur
Haustür hinaus geschoben. Hoffentlich sieht mich keiner, dachte er und blickte sich
unsicher nach allen Richtungen um. Ein paar 100 Meter entfernt machte er einen Jogger aus,
der zu Peters Entsetzen plötzlich einen Zwischenspurt einlegte und beängstigend rasch
näher kam. Nun drängte Peter zur Eile. Trotzdem hielt er Petra höflich die
Beifahrertür seines Wagens auf, wartete aber ungeduldig, bis sie endlich eingestiegen
war. Der Jogger kam unaufhörlich näher, war keine 50 Meter mehr entfernt. Hektisch
drückte er die Autotür ins Schloß und wollte um sein Auto herum laufen, doch eine
unsichtbare Kraft hielt ihn fest. Seine Lederjacke war in der Tür eingeklemmt und der
Jogger nur noch 20 Meter weit weg. Nervös zerrte Peter an der Jacke, bekam sie mit einem
kräftigen Ruck endlich frei, wirbelte herum und wäre fast mit dem Sportler
zusammengeprallt. "Hoppla, Morgen," keuchte der und trabte weiter. Etwas
irritiert ging Peter um den Wagen herum und schaute dem Mann nach. In diesem Moment drehte
sich der Typ, lief ein paar Schritte rückwärts und grinste dabei.
"Das war mein Nachbar," sagte Petra schmunzelnd, während Peter sich hinter das
Lenkrad setzte. "Eine fürchterliche Tratschtante. Wenn man ein Gerücht verbreiten
will, braucht man es nur ihm zu stecken. Einen Tag später spricht die ganze Stadt davon.
Morgen weiß sicher jeder, daß ich mit einem Mann weggefahren bin."
"Mit einem Mann, der Damenklamotten trägt. Hast du gesehen, wie der mich angegrinst
hat?"
"Nö, und außerdem ist das kein Damenpulli, sondern ein herrlich kuscheliger,
wunderschöner Angorapullover, sonst gar nichts."
Peter gab sich geschlagen. Wollte er einen schönen Ausflug gemeinsam mit seiner neuen
Freundin erleben, dann mußte er nun in den sauren, aber zugegeben traumhaft kuscheligen
Apfel beißen. Er startete den Wagen, rollte an und mußte sogleich hart auf die Bremse
treten. Nur Zentimeter vor ihm stoppte ein dunkler Lieferwagen. Zwei schwarz gekleidete
Personen stürzten heraus und rannten auf Peters Wagen zu, rissen die Türen auf und
zerrten die beiden überraschten Ausflügler heraus. Mit roher Gewalt wurde Peter mit der
Brust auf die Kühlerhaube gedrückt und sein rechter Arm auf den Rücken gedreht. Der
Schmerz war so unerträglich, daß ihm die Tränen in die Augen schossen. Durch den
wässrigen Schleier konnte er nur undeutlich sehen, wie man die kreischende, sich heftig
wehrende Petra zum Lieferwagen schleppte und äußerst unsanft hinein stieß.
"Was soll das?," hörte er sich schreien.
"Schnauze halten," und ein harter Schlag auf die Schläfe war die Antwort.

Als Peter wieder zu sich kam, lag er noch immer über die Motorhaube seines Wagens
gebeugt. Sein Schädel brummte und sein Arm brannte wie Feuer. Außerdem steckte etwas in
seinem Mund, das nach staubigem Papier schmeckte. Tatsächlich war es ein zerknüllter
Zettel. Der Lieferwagen war weg, Petra auch. Er stand unter einem leichten Schock, war
verwirrt, zitterte am ganzen Körper und starrte ratlos auf den mit Schreibmaschine
verfaßten Text auf dem Zettel.

Wir geben Frau List die Möglichkeit zur Erfüllung eines Vertrages, den ihre Firma
LISTRONIC gebrochen hat. Wir haben kein Interesse daran, Frau List zu verletzen, sondern
werden sie nach Vertragserfüllung unversert freilassen. Wir erwarten, daß Sie sich
absolut ruhig verhalten. Sollten wir jedoch feststellen, daß die Polizei eingeschaltet
wurde, wird Frau List nicht überleben.

SIR

SIR? Das war sicher keine höfliche Anrede, sondern das Kürzel irgendeiner
Verbrecherorganisation, mit der sich Petra womöglich eingelassen hatte. Petra und
Verbrechen? Er kannte sie gerade einmal ein paar Stunden, aber daß das hübsche,
kuschelige Mädchen in kriminelle Machenschaften verwickelt sein sollte, konnte er sich
nicht vorstellen. Das paßte einfach nicht zusammen. Niemals!

Hilflos schaute sich Peter in der menschenleeren Siedlung um. Es schien, als hätte keiner
der Anwohner etwas von der Entführung bemerkt. War es vielleicht nur ein schlechter
Traum? Nein, der schmerzende Arm, sein Brummschädel und Petras Tasche auf dem
Beifahrersitz waren Beweis genug, daß er tatsächlich Zeuge und Opfer eines Verbrechens
geworden war. Er griff sich die Tasche, kramte darin nach dem Schlüssel zu Petras Haus
und rannte zur Tür. Hektisch stocherte er am Schloß herum, bis der Schlüssel endlich
das Schlüsselloch traf. Er öffnete nur einen schmalen Spalt, zwängte sich hindurch,
ließ sich mit dem Rücken gegen die Tür fallen und holte erst einmal richtig Luft.

Langsam nahm sein Gehirn die Arbeit wieder auf und ihm wurde klar, daß er etwas
unternehmen mußte, und zwar schnell. Das einfachste wäre gewesen, die Polizei zu
informieren, doch es erschien ihm zu riskant. Peter könnte sich nie verzeihen, wenn Petra
etwas passieren sollte, nur weil er die Drohung der Entführer nicht ernst genommen hatte.
Stattdessen entschied er, zunächst die Familie zu benachrichtigen und begab sich auf die
Suche nach einem Telefon. Dieses hatte er auch schnell gefunden. Aber was nutzte es ihm
ohne die Telefonnummer ihrer Eltern. Irgendwo mußte doch ein Verzeichnis zu finden sein.
Jeder Mensch hat sein privates Telefonbuch, dachte er und begann alle Schubladen und
Regalfächer in der Nähe des Telefons zu durchstöbern. Er blieb erfolglos. Dann erst
fiel ihm auf, daß das Telefon mehrere Speichertasten hatte. Im selben Moment, da er die
erste Taste drücken wollte, summte das Telefon leise und im Display erschien das Wort
ELTERN. Nach kurzem Zögern nahm er den Hörer ab.
"Hier bei List."
"Entschuldigung, ich habe mich verwählt", sagte eine Männerstimme.
"Halt, warten Sie!", rief Peter aufgeregt. "Wer ist da bitte?"
"List, Herman List," bekam er zur Antwort.
"Sind Sie Petras Vater?"
"Ja."
"Gott sei Dank," seufzte Peter. "Mein Name ist Peter Faller. Ich bin in der
Wohnung ihrer Tochter. Es ... es ist etwas schreckliches passiert."
"Ist etwas mit meiner Tochter?"
"Ja, sie ... sie wurde vor wenigen Minuten entführt."
Am anderen Ende der Leitung blieb es still.
"Hallo, sind sie noch dran?"
"Wer sind sie?"
"Ich bin ein Freund. Ich war dabei, als es passierte und wollte sie gerade anrufen.
Ich weiß nicht, was ich tun soll."
"Entführt sagen Sie?"
"Ja," schrie Peter schrill und verzweifelt.
"Von wem?"
"Weiß ich nicht. Ich habe ein Schreiben der Entführer. Es ist mit SIR
unterschrieben. S-I-R. Können sie etwas damit anfangen?"
"Nein. Was ist mit der Polizei?"
"Keine Polizei steht auf dem Zettel."
Wieder herrschte für ein paar endlose Sekunden Schweigen. Peter hörte nur den schweren
Atem von Petras Vater.
"Bleiben sie wo sie sind. Ich bin in einer halben Stunde bei ihnen."

Peter hielt den Telefonhörer noch lange in der Hand, obwohl das Gespräch schon längst
unterbrochen war. Er versuchte nachzudenken. SIR, was hatten diese drei Buchstaben zu
bedeuten? RAF, IRA, KGB und CIA kamen ihm in den Sinn. Alle diese Abkürzungen hatten
etwas mit Terror, Kriminalität, Brutalität oder Spionage zu tun. In was war seine neue
Freundin da nur hineingeraten? War es vielleicht nur eine Verwechslung? Nein, auf dem
Zettel, den man ihm in den Mund gestopft hatte, waren ausdrücklich Petras Name und der
ihrer Firma genannt.

Die Warterei auf Petras Vater war unerträglich. Mal setzte sich Peter auf das Sofa, um zu
entspannen, mal lief er gehetzt im Zimmer umher und schaute dabei unablässig auf seine
Armbanduhr. Es kam ihm vor wie eine Erlösung, als er endlich hörte, wie vor dem Haus
eine Autotür schlug. Im nächsten Augenblick wurde die Haustüre geöffnet. Endlich kam
Petras Vater. Erst als dieser schon auf der Wendeltreppe nach oben stieg, fiel Peter ein,
daß er noch immer den blauen Angorapulli trug. Doch nun war es zu spät, den kuscheligen
Pulli los zu werden. Zudem war nur eines wichtig: Petra!

Herr List war ein zierlicher, weißhaariger Mann Ende sechzig. Er hatte unendlich viele
Lachfalten um die Augen, was so gar nicht zu dem steinernen Gesichtsausdruck, zu der
aschfahlen Haut und den tief in die schwarzen Höhlen versunkenen Augen paßte. Dieser
Mann hatte Angst.
"Sind Sie Herr Faller?", fragte eine belegte Stimme.
"Ja, der bin ich."
Der alte Mann musterte Peter von oben bis unten. Die Tatsache, daß Peter in einem
voluminösen Angorapullover steckte, schien ihn nicht weiter zu irritieren. Stattdessen
quälte sich ein kleines Lächeln über sein Gesicht, während er Peter die Hand gab.
"Ich mache mir große Vorwürfe, daß ich Petra nicht helfen konnte. Es ging alles so
schnell," sagte Peter.
"Was ist denn genau passiert?", wollte Petras Vater wissen.
So detailliert wie möglich versuchte Peter die Geschehnisse kurz vor und während der
Entführung zu schildern. Der Schrecken war dem alten Mann ins Gesicht geschrieben. Als er
den Zettel mit den Forderungen zu lesen bekam, ließ er sich in einen der Sessel fallen,
setzte mit zittriger Hand seine Lesebrille auf und murmelte leise die Worte vor sich hin.
Dann schien er einen Moment zu überlegen, bevor er zu Peter aufschaute und fragte:
"Wie gut kennen Sie meine Tochter?"
"Um ehrlich zu sein, eigentlich überhaupt nicht. Wir sind uns gestern bei einer
Hochzeit zum ersten Mal begegnet, warum?"
"Würden Sie mir trotzdem helfen?"
"Ja, natürlich, nichts lieber als das. Wissen Sie, wer SIR ist, beziehungsweise wer
dahinter steckt?"
"Ich fürchte ja. Hören Sie, ich bin ein alter Mann und gesundheitlich nicht mehr
ganz auf der Höhe. Sie machen einen netten Eindruck auf mich und ich brauche jemanden,
auf den ich mich verlassen kann."
"Das können sie, hundertprozentig. Aber nun sagen sie schon, wer ist SIR."
"Nun gut," sagte Herr List und räusperte sich. Seine Stimme klang etwas
gefaßter, als er fortfuhr: "Vor knapp einem Jahr bekam meine Firma den Auftrag zur
Entwicklung und Herstellung eines elektronischen Bauteils nach einer gelieferten
Zeichnung. Der Kunde hieß Reiter & Immeran Spielwaren. Merken sie was?"
Peter dachte nach, was ihm in Anbetracht der gespannten Situation schwer fiel.
"Reiter & Immeran Spielwaren," sagte Herr List. "Das Firmenzeichen
trägt die drei Initialen RIS, umgedreht SIR. Es war ein sehr spezielles und teures
Elektronikbauteil und so fragten wir uns, für welche Spielzeug es gebraucht werden
könnte. Man wollte es uns nicht sagen, tat stattdessen sehr geheimnisvoll und behauptete,
daß es eine Neuentwicklung sei und die Konkurenz nichts davon erfahren dürfe. Nun sind
wir ja keine Hinterwäldler. Nachdem wir uns längere Zeit mit den Plänen und den
Anforderungen an die Materialien beschäftigt hatten, wurde uns klar, daß es sich um ein
besonderes Spielzeug handelte, das mit hoher Geschwindigkeit weite Strecken fliegen
kann."
"Ein Modellflugzeug?"
"Eine Rakete! Es würde zu weit führen, Ihnen zu erklären, wie wir darauf kamen,
aber wir waren uns sicher, daß es sich um eine kleine Rakete handeln mußte, die sich auf
das Ziel programmieren und ohne aufwendige Rampe abschießen ließe. Nach dem Erreichen
des Ziels würde die Rakete nicht sofort explodieren, sondern erst nach einer
vorbestimmten Zeit. Die Entwicklung dieser Zeitschaltuhr, um es einmal so banal zu nennen,
wäre die Aufgabe von LISTRONIC gewesen. Aufträge dieser Art, also für die Produktion
von Waffen unterliegen allerdings strengsten Genehmigungsverfahren. Zunächst versuchte
der Kunde uns glauben zu machen, daß es sich wirklich um ein harmloses Kinderspielzeug
handele, dann versuchten sie es mit Bestechung, Selbstverständlich ohne Erfolg, und
schließlich mit diversen Drohungen. Nun, eine dieser Drohungen haben sie jetzt in die Tat
umgesetzt."
"Warum sind sie nicht zur Polizei gegangen?"
"Weil ich einfach Angst hatte."
Herr List legte sein Gesicht in seine Hände und begann leise zu schluchzen. Auch Peter
war zum Heulen zumute. Plötzlich hob der alte Mann seinen Kopf, wischte sich vehement
eine Träne von der Wange und sagte:
"Meine Frau darf um Gottes Willen nichts erfahren. Sie würde den Schock nicht
überleben."
"Sie können sich auf mich verlassen," versicherte Peter.
Herr List schaute ihn dankbar an und sank wieder in sich zusammen. Seine Haut schien noch
grauer, die Augenhöhlen noch tiefer geworden zu sein. Hoffentlich macht der nicht auch
noch schlapp, dachte Peter verzeifelt.
"Herr List, sind sie in Ordnung?"
"Es geht schon. Danke. Ich bin nur etwas schwach. Würden sie mir bitte das Telefon
geben?"
Peter drückte ihm den Hörer in die Hand, das Gerät selbst behielt aber er. Zitternd
wählte Herr List eine lange Nummer und wartete dann ungeduldig. Dann, nach endlosen
Sekunden schrie er fast in die Sprechmuschel:
"Frau Steegmann, Gott sei Dank, sie sind zu Hause. Es tut mir leid, wenn ich sie am
Sonntag störe, aber es ist etwas schreckliches passiert. Meine Tochter wurde
entführt...ja, entführt...ich brauche ihre Hilfe. Können Sie schnellstmöglich zum Haus
meiner Tochter kommen. Sie wissen ja wo sie wohnt...Oh danke, vielen Dank."
Er brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Peter nutzte die Gelegenheit und
holte ihm ein Glas Wasser aus der Küche.
"Danke, sie sind ein netter Kerl. Sie passen zu meiner Petra."
Das fand Peter auch. Wenn sie nur da wäre, seine Petra.
"Frau Steegmann ist unsere Entwicklungsleiterin. Sie weiß über alles Bescheid. Fast
soetwas wie ein wandelnder Computer. Sie wird uns sicher gut unterstützen können."

Keine zehn Minuten später klingelte es an der Haustüre. Peter, der inzwischen seine
Lederjacke abgelegt hatte, eilte hinunter ins Erdgeschoß. Auf der Treppe fiel ihm der
Angorapullover wieder ein, der noch immer seinen Körper umschmeichelte. Für einen Moment
zögerte er, fragte sich, ob Zeit genug war, den flauschigen Angorapulli auszuziehen und
in sein Hemd zu schlüpfen, das er auf einem Hocker neben der Garderobe entdeckt hatte. Es
klingelte erneut. Nein, zum Umziehen hatte er keine Zeit mehr. Er drückte die Türklinke
nieder, riß die Haustür auf und stand vor einer bildhübschen, etwa 30-jährigen Frau
mit kurzen, blonden Haaren.
"Sind sie Frau Steegmann?", fragte er ungläubig und verschluckte sich fast
dabei.
Er hatte eher eine ältere Dame mit hochgesteckten Haaren und einer Lesebrille an einer
Goldkette um den Hals erwartet.
"Ja, und wer sind sie?", antwortete Frau Steegmann.
"Peter Faller. Kommen sie bitte herein."
"Sind sie der Freund von Petra?"
"Sozusagen."
"Schöner Pulli!"
"Wie? Äh ja, danke, es ist nicht meiner, nur geliehen."
"Von Petra, nehme ich an. Wo ist sie?"
"Wenn ich das nur wüßte," seufzte Peter. "Aber kommen sie bitte nach
oben. Herr List wartet schon auf sie. Er ist in keiner guten Verfassung."
Mit einer schwungvollen Handbewegung deutete Peter auf die Treppe und ließ ihr den
Vortritt. Als sie das Wohnzimmer erreichten huschte ein Lächeln der Erleichterung über
das Gesicht des alten Mannes. Frau Steegmann ging vor ihm in die Knie und umarmte ihren
ehemaligen Chef.
"Was ist passiert?"
Herr List hob den Kopf, wollte etwas sagen, brachte aber nur ein ersticktes Krächzen
heraus. Peter sprang für ihn ein, erzählte das schreckliche Erlebnis ein zweites Mal und
fügte hinzu, was er inzwischen von Petras Vater erfahren hatte. Als er fertig war
herrschte zunächst ernstes Schweigen. Nur das Röcheln des alten Mannes war zu hören. Es
hatte einen besorgniserregenden Klang. Frau Steegmann ergriff plötzlich Peters Arm und
drängte ihn ein paar Schritte weg von Herrn List.
"Ihm geht es wirklich nicht gut," stellte sie fest und Peter nickte heftig.
"Wir müssen ihn nach Hause bringen und dann die Polizei einschalten."
"Herr List möchte auf keinen Fall, daß die Polizei eingeschaltet wird. Bringen wir
ihn erst einmal heim und beraten dann, was zu tun ist. Seiner Frau erzählen wir, daß
Petra überraschend auf Geschäftsreise mußte. Es ist besser, wenn sie die Wahrheit nicht
erfährt," meinte Peter.
"Gut, sie hat ein schwaches Herz. Wir sagen ihr einfach, daß wir uns noch zu einer
Besprechung getroffen hatten und ihr Mann einen Schwächeanfall bekam, nachdem Petra
bereits abgeflogen war."

Eine halbe Stunde später lieferten sie Herrn List bei seiner Frau ab. Die kugelrunde,
ältere Dame mit mindestens so vielen Lachfalten im Gesicht, wie ihr Mann nahm sich sofort
seiner an, legte ihn auf ein urgemütlich aussehendes Sofa und deckte ihn mit einer
flauschigen Decke zu.
"Sie müssen Petras Freund sein," sagte sie zu Peter.
"Sie rief mich heute morgen ganz aufgeregt an und erzählte mir von ihnen. Seltsam,
daß sie die Geschäftsreise nicht erwähnte. Aber sie war so aufgeregt, daß sie es
wahrscheinlich vergessen hat. Sie müssen großen Eindruck auf sie gemacht haben, sonst
hätte sie ihnen niemals einen ihrer Angorapullis gegeben."
Peter schaute an sich herunter. Hatte er doch dieses peinliche Teil doch immernoch an.
Obwohl, so peinlich war ihm der kuschelige Pullover gar nicht mehr. Bisher schien sich
niemand daran zu stören, daß er als Mann einen so flauschigen Pulli trug, also warum
sollte er sich dafür schämen?
"Wir müssen gehen. Wir erwarten Nachricht von Petra."
"Richten sie ihr aus, daß ich böse auf sie bin, weil sie mir nichts von der
Geschäftsreise gesagt hat," meinte Frau List lächelnd, während sie zur Haustür
gingen.

"Wohin jetzt?", fragte Frau Steegmann, als sie wieder in ihrem Wagen saßen.
"Ich schlage vor, wir fahren zu Petras Wohnung. Vielleicht melden sich die Entführer
dort. Wenn ich nur wüßte, was wir sonst noch unternehmen könnten. Ich darf gar nicht
daran denken, wie es Petra im Moment wohl gehen muß."
Frau Steegmann nickte vielsagend und startete den Motor ihres funkelnagelneuen C-Klasse
Mercedes und würgte ihn sogleich wieder ab. Offenbar machte ihr die Entführung noch mehr
zu schaffen, als es es den äußerlichen Anschein hatte. Zurück in der Wohnung gab sie
dann auch zu, daß sie und Petra eng befreundet waren, obwohl ihr Vater es nicht gerne
hatte, wenn Angestellte enge freundschaftliche Beziehungen zur Geschäftsleitung hatten.
Daraus könne leicht Neid und Mißgunst entstehen.

Frau Steegmann legte ihre Parka ab, die sie die ganze Zeit über bis zum Kinn zugeknöpft
getragen hatte. Und schon wieder keimte in Peter das Verlangen auf, auch diese Frau
berühren zu wollen. Sie trug einen kunterbunten, beinahe knielangen Pullover aus
flauschigem Mohair. Durch die elektrostatische Aufladung knisterte der Pulli leise. Der
üppige Flausch zitterte dabei, als sei er lebendig.
"Soll ich uns Kaffee machen?", fragte sie lächelnd, denn ihr war Peters
lechzender Blick nicht entgangen. Der stotterte nur etwas ähnliches wie "ja"
und beobachtete, wie sie in die Küche ging und der dichte Mohairflausch bei jeder
Bewegung hin und her wogte. Plötzlich fühlte er sich ziemlich mies. Während Petra in
höchster Gefahr war, dachte er nur an sein Vergnügen. Du solltest Dich schämen, sagte
er leise zu sich selbst.
"Bitte?", fragte Frau Steegmann und stellte ein Tablett mit Kaffeegeschirr auf
dem Wohnzimmertisch ab.
"Nichts. Ich führe manchmal Selbstgespräche. Ich finde, wir sollten uns irgendwann
einmal Gedanken machen, wie wir Petra helfen können."
"Ich denke an nichts anderes, aber mir fällt nichts ein."
Peter kramte den Zettel mit der Drohung aus der Hosentasche und las ihn ein weiteres Mal.
Vielleicht versteckte sich hinter der schrecklichen Botschaft ein Hinweis.
"Die Polizei würde den Zettel sicher gleich auf Fingerabdrücke und irgendwelche
Hautpartikel untersuchen," meinte Frau Steegmann und setzte sich dicht an Peters
Seite. Der mußte sich mächtig zusammennehmen, um seine Gedanken nicht wieder abschweifen
zu lassen.
"Das hat keinen Sinn," meinte er nach ein paar Sekunden Schweigen. Nur das
Fauchen der Kaffeemaschine war zu hören. "Die wußten, warum sie mir den Drohbrief
in den Mund steckten. Man würde sicher nur Speichelreste von mir und dazu noch meine
Fingerabdrücke finden. Ich nehme an, sie werden in Kürze Kontakt mit uns aufnehmen.
Darauf sollten wir vorbereitet sein. Was werden wir ihnen sagen?"

Für einen Moment lang, schaute Frau Steegmann fast hypnotisch auf den Zettel, fast so, als wolle sie ihm per Zauberkraft des Rätsels Lösung entlocken. Dann fuhr sie mit den Händen in den Rollkragen ihres Mohairpullovers, zog ihn hoch bis an ihre zierliche Nase und versuchte nachzudenken.
"Könnten sie dieses elektronische Bauteil denn nicht einfach doch herstellen?"
"Wir könnten nicht nur, wir haben. Um ganz ehrlich zu sein, der Prototyp liegt sogar schon im Safe. Aber wissen sie, was das bedeuten würde, wenn dieses Bauteil in die falschen Hände gerät? Käme diese Rakete mit unserer Elektronik zum Einsatz, wären wir mitverantwortlich für den Tod vieler Menschen. Und trotzdem ist dadurch nicht sichergestellt, daß Petra irgendwann freigelassen wird. Davon einmal abgesehen, hält Petra diese Entführung nicht lange durch, ganz zu schweigen von ihren Eltern."
"Sie haben leider recht. Aber fällt Ihnen etwas besseres ein?"
"Lassen wir doch das sie weg. Ich heiße Kathrin."
"Peter."
Mit nachdenklicher Mine erhob sich Kathrin und ging in die Küche, um den Kaffee zu holen. Gerade als sie mit zwei Kaffebechern ins Wohnzimmer zurück kam, klingelte das Telefon. Die beiden zuckten heftig zusammen und schauten sich erschreckt an. Nach zwei weiteren schrillen, wie Warnsirenen klingenden Tönen faßte sich Kathrin ein Herz und nahm den Hörer von der Gabel.
"Hier bei List," sagte Kathrin mit zitternder Stimme.
Plötzlich nickte sie aufs heftigste und zeigte auf die Lautsprechertaste des Telefons. Peter begriff und drückte die Taste.
"Mein Name ist Steegmann. Ich bin Entwicklungscheffin bei LISTRONIC."
"Warum sind sie nicht an ihrem Arbeitsplatz und arbeiten endlich an unserem Auftrag?", wollte der Anrufer wissen. In seiner Stimme lag ein hämischer und zugleich überheblicher Unterton. Peter ballte unbewußt die Faust.
"Von welchem Auftrag sprechen Sie?"
"Das wissen sie ganz genau, liebe Entwicklungscheffin. Sie sollten nicht versuchen, uns für dumm zu verkaufen. Also? Vergessen sie nicht, daß wir ein ziemlich gutes Druckmittel haben!"
Zuerst will ich wissen, wie es Frau List geht," sagte Kathrin mir nun etwas festerer Stimme.
"Oh, ihr geht es gut. Wir haben ihr kein Häärchen gekrümmt, bis jetzt. Wir mußten ihr nur den Mund zukleben. Ich wußte gar nicht, daß Unternehmertöchter einen solch häßlichen Wortschatz besitzen."
"Ich verlange mit ihr sprechen."
"Sie haben hier nichts zu verlangen. Es ist zwar nicht unsere Art, aber wir können ihnen gerne den kleinen Finger der Lady zukommen lassen, um sie zur Arbeit an unserem Auftrag zu überreden."
Mit Entsetzten starrte Peter auf das Telefon. Plötzlich weiteten sich seine Augen. War das zu fassen? Das Display zeigte eine Telefonnummer an! Eine Nummer mit Vorwahl aus der Stadt!
"Einen Zettel, einen Stift, schnell," schrie Peter so leise es ging.
Kathrin formte mit ihren Lippen das Wort SCHREIBTISCH. Fast hätte Peter den gläsernen Schreibtisch umgeworfen, so hastig war er darauf zu gestürzt. Er griff sich Papier und Bleistift und eilte zurück zum Telefon. In seiner Hektik und Anspannung hämmerte er Zahl um Zahl auf das Papier, als wolle er die Nummer auf den Zettel meißeln. Das konnte der stärkste Stift nicht überstehen. Nach nur drei Ziffern brach die Miene ab und kullerte über den Tisch. Peter packte sie, klemmt sie zwischen die Finger, riß sich am Riemen und notierte den Rest.
"Ich mache ihnen einen Vorschlag," hörte Peter Kathrin sagen. "Wir erfüllen den Auftrag und bauen ihr Scheißteil. Das wird aber ein paar Tage dauern. Dafür lassen sie Frau List frei, und zwar sofort."
"Frau Steegmaier, ..."
"Mann, ich heiße Steegmann."
"Von mir aus," maulte der Anrufer. "Wir sind doch beide Geschäftsleute. Nicht wahr? Zuerst die Arbeit, dann die Bezahlung, das ist doch allgemein so üblich. Je schneller sie fertig werden, desto früher lassen wir Frau List frei. Sie haben maximal zwei Wochen Zeit. Danach lassen wir ihre Freundin ebenfalls gehen, vorausgesetzt sie kann dann noch gehen. Haben wir uns verstanden?"
"Das werden sie nicht wagen."
"Möchten sie es darauf ankommen lassen?"
"Nein. Aber ich möchte jetzt mit Frau List sprechen."
Als Antwort bekamen die beiden nur ein leises Klick zu hören. Die Leitung war unterbrochen. In Zeitlupengeschwindigkeit legte Kathrin auf, schaute Peter ängstlich an und ließ sich dann in seine Arme fallen. Tröstende Worte fielen ihm keine ein. Er selbst hätte Trost bitter nötig gehabt. Stattdessen streichelte er zärtlich über ihren flauschigen Rücken. Kathrin schien sich sofort zu entspannen und auch Peter fühlte sich gleich ein wenig besser. Die Weichheit und Wärme des kuscheligen Mohairflausches gab ihm das Gefühl der Geborgenheit.
"Was hast du auf den Zettel geschrieben?", wollte sie nach ein paar schweigsamen Minuten wissen.
"Hast du nicht gesehen, daß die Telefonnummer auf dem Display angezeigt wurde? Der Typ telefonierte mit ISDN und wußte das nicht, oder er vergaß, die Anzeige zu unterdrücken. Auf jeden Fall haben wir die Nummer."
"Das ist fantastisch," jubelte Kathrin, hielt aber plötzlich inne. "Und was fangen wir damit an?"
Wortlos nahm Peter das Telefon, wählte die Nummer der Auskunft und wartete, bis sich jemand meldete.
"Hallo, guten Tag, hier ist Ritter, Reisebüro List. Ähm, ich habe da ein Problem."
"Ja?", meinte die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.
"Für einen Firmenkunden muß ich ein Flugticket ausstellen und am Flughafen hinterlegen lassen. Ich hatte mir die Adresse des Kunden auch genau aufgeschrieben, aber dann meinen Kaffee über den Zettel verschüttet. Nur die Telefonnummer kann ich noch lesen. Meine Cheffin reißt mir den Kopf ab."
"Und was kann ich nun für Sie tun?"
"Ich möchte Sie um den dazu passenden Namen bitten?", sagte Peter.
"Den darf ich Ihnen leider nicht nennen."
"Dann kann ich mir gleich meine Papiere abholen und eine neue Arbeit suchen," heulte Peter.
Das schien Eindruck auf die Dame am anderen Ende der Leitung gemacht zu haben. Nach einem kurzen Seufzer sagte sie:
"Geben Sie mir mal die Nummer durch."
"Aber wenn Sie nun auch noch Schwierigkeiten bekommen", entgegnete Peter und nannte die Zahlen, ganz langsam und deutlich, um ja keinen Fehler zu machen.
"Unter dieser Nummer finde ich leider keine Firma IS IMMOBILIEN. Tut mir leid."
Peter schaltete schnell.
"Ojeh, dann werde ich wohl doch dort anrufen und nach dem Namen des Kunden fragen müssen. Trotzdem, vielen Dank," sagte Peter mit vorgespielter Enttäuschung und legte auf.
Kathrin, die das Gespräch mitgehört hatte, grinste bis über beide Ohren, während sie das Telefonbuch zur Hand nahm und nach der Adresse von IS Immobilien suchte. Es dauerte nur Sekunden, bis sie triumphierend auf die Adresse der Firma deutete.
"Wir sollten ein Detektivbüro eröffnen," sagte Peter.
"Bei deinem Talent für Lügengeschichten. Wäre eine Überlegung wert. Laß uns zu dieser Adresse fahren und ein bißchen rumschnüffeln."
"Nur einen winzigen Augenblick. Ich will endlich diesen Angorapulli wieder loswerden."
"Dafür ist jetzt keine Zeit. Außerdem steht er dir hervorragend."
Liebevoll ordnete sie seinen riesigen Rollkragen, streichelte genüßlich über den kuscheligen Flausch und warf ihm schließlich seine Lederjacke zu.
"Aber das ist ein Damenpullover."
"Quatsch! Nun komm schon."
Es schien so, als ob Peter diesen peinlichen Angorapullover nie mehr loswerden konnte. Wollte er das denn wirklich? War er denn wirklich so peinlich. Es war keine Zeit weiter über diese Frage nachzudenken. Kathrin stand bereits ungeduldig an der Treppe.

Wenige Minuten später fuhr Kathrin ihren Mercedes aus der Wohnsiedlung hinaus auf die Hauptstraße in Richtung Innenstadt. Doch schon bei der nächsten Kreuzung verließ sie die vierspurige Straße wieder und lenkte den Wagen auf die Autobahn.
"Ich dachte, die Firma ist irgendwo in der Stadtmitte," stellte Peter verwundert fest.
"Ist sie auch. Ich fürchte aber, wir werden verfolgt."
Hektisch drehte sich Peter um, konnte jedoch nichts ungewöhnliches feststellen. Hinter ihnen fuhren zwei ältere Damen in einem goldfarbenen Golf, dahinter befanden sich zwei japanische Kleinwagen.
"Siehst du den roten Toyota? Der ist schon hinter uns, seit wir losgefahren sind. Ich bin nicht sicher. Kann auch Zufall sein. Aber wir sollten kein Risiko eingehen. Wenn die Entführer rauskriegen, daß wir die Adresse kennen, werden sie Petra an einen anderen Ort bringen. Fahr schon, du Idiot.!"
Peter zuckte zusammen und versuchte herauszufinden, was Kathrins Unmut hervorgerufen hatte. Er kam nicht mehr dazu. Sie hatte bereits das Gaspedal durchgedrückt und schoß vorwärts, direkt auf die linke der drei Fahrspuren. Ungläubig starrte er auf die Tachonadel, die sich rasant der 200er-Marke näherte, diese schließlich weit überschritt. Im Augenwinkel sah er ein Schild mit Tempolimit 100 vorbeirasen.
"Ähm ..."
"Ich hab's gesehen," meinte Kathrin nur und drückte weiter aufs Gas.
"Siehst du den da vorn auch?", wollte Peter wissen und deutete auf einen roten Golf, dessen Abstand atemberaubend schnell kleiner wurde.
"Ja," rief Kathrin und betätigte vehement die Lichthupe.
Der Golffahrer wechselte fast panisch auf die mittlere Fahrspur und zeigte Kathrin den Vogel, als sie vorbei jagten.
"Ist der Toyota noch hinter uns?"
Peter konnte sich nur mit Mühe in seinem Sitz nach hinten drehen.
"Ja, der ist auch ziemlich schnell."
Doch dann tat ihnen der Fahrer des roten Golf unbewußt einen großen Gefallen. Ohne erkennbaren Grund wechselte er wieder nach links und bremste den Toyota brutal aus. Peter sah nur noch weiße Rauchwolken aufsteigen, als der Fahrer des Japaners in die Bremsen stieg, dann war auch schon aus dem Blickfeld verschwunden.
"Ätsch," rief Peter hämisch und orientierte sich wieder in Fahrrichtung.
"Zu früh gefreut," sagte Kathrin. "Da kommt er schon wieder."
"Mist, so werden wir den nicht los. Da hilft nur eine List."
"Gutes Stichwort, danke."
"Was hast du nun schon wieder vor?"
"Wart's ab," sagte, Kathrin, verlangsamte die Geschwindigkeit und verließ die Autobahn bei der nächsten Ausfahrt. Der Toyota folgte wie ein treuer Hund. Er wich nicht von ihrem Heck, bis sie auf den Firmenparkplatz von LISTRONIC fuhren. Erst als der Mercedes auf den mit >Dr. Steegmann< gekennzeichneten Stellplatz rollte, passierte sie der rote Sportwagen. Kathrin forderte Peter auf, ihr zu folgen und ging zielstrebig auf die Pforte zu. Dem Pförtner war es offensichtlich peinlich, daß er von seiner Cheffin dabei ertappt wurde, wie er sich einen uralten, schmalzgeladenen Heimatfilm auf einem der zahlreichen Monitore ansah. Er hatte es sich so richtig gemütlich gemacht und war reichlich mit Kaffee und Kuchen eingedeckt. Als er Kathrin erkannte, sprang er auf , stand stramm und verschluckte sich mächtig an einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Hustend und mit vollem Mund brabbelte er eine unverständliche Begrüßung.
"Guten Tag, Herr Pelz, lassen sie sich nicht stören. Ich möchte den ruhigen Sonntag nutzen und mit diesem Kunden ein paar wichtige Dinge besprechen."
"Ist recht," antwortete Pelz und schnappte nach Luft.
Er drückte einen Knopf auf dem Schaltpult vor sich und gab damit den Weg durch eine Türe aus Panzerglas frei.
"Der müßte eigentlich Faulpelz heißen," sagte Kathrin schmunzelnd, als die Türe hinter den beiden ins Schloß fiel.
"Wohin gehen wir?"
"In mein Büro. Dort werden wir alle Lichter einschalten und so den Eindruck erwecken, als würden wir mit Hochdruck an unserem Auftrag arbeiten."
"Und was werden wir wirklich tun?"
"In die Stadt fahren, was sonst."
Sie wird schon wissen, was sie tut, dachte Peter und folgte ihr in den vierten Stock. Am Ende eines langen Ganges betraten sie ein großzügiges, modern eingerichtetes Büro. Kathrin machte Licht, nahm einen Stapel Papier in die Hand und ging damit zum Fenster.
"Wie ich es mir gedacht habe," sagte sie und blätterte in den Papieren. "Da unten an der Ecke steht der rote Toyota."
"Na prima, und wie geht es nun weiter?"
"Wir werden uns einen Firmenwagen aus der Garage holen und über den Hof unseres Nachbarn wegfahren. Solange mein Mercedes vor der Firma steht und hier oben Licht brennt, werden sich unsere Verfolger nicht von der Stelle rühren."
"Clever!"
"Nicht wahr," sagte Kathrin und zwinkerte Peter zu.

Es war ein Kinderspiel. Nachdem sie sich noch eine Weile in Kathrins Büro aufgehalten und abwechselnd besonders auffällig ans Fenster gestellt hatten, holten sie sich aus dem Fuhrpark einen weißen Opel und verließen das Firmengelände über den Hof der benachbarten Spedition. Auf direktem Wege und ohne roten Toyota im Nacken fuhren sie in die Innenstadt bis zu einem Bürogebäude mit der passenden Adresse. IS IMMOBILIEN stand an einem der zahlreichen, glänzenden Messingschildern am Eingang. Es dämmerte bereits, doch mit Ausnahme der Lobby brannte nirgendwo Licht an. Vermutlich war niemand bis auf einen Pförtner im Gebäude. Im zweiten Stock hingen mehrere Transparente mit der Aufschrift >zu vermieten< in den Fenstern.
"Wolltest du nicht schon immer ein Büro in der Stadt?", fragte Peter.
Kathrin schaute ihn verwundert an.
"Nun, wir sind die neuen Mieter," bemerkte er schmunzelnd und stieg aus dem Wagen. Er ging geradewegs auf den Eingang zu und klopfte an eine der Glastüren. Ein älterer Mann in Uniform hob den Kopf, setzte sich eine Schildmütze auf und schritt gemächlich auf Peter und Kathrin zu. Er suchte nach dem passenden Schlüssel an seinem enormen Schlüsselbund und nach einigen Fehlversuchen endlich fündig.
"Guten Abend," sagte er mit fragendem Blick.
"N'abend, Faller mein Name, wir sind die neuen Mieter der Büros im zweiten Stock. Wir müssen die Räume nocheimal genau ausmessen. Kathi, gibst du mir die Schlüssel?"
Kathrin reagierte sofort, kramte in den Taschen des Parkas nach dem imaginären und bekam plötzlich einen absolut glaubwürdigen, erschreckten Gesichtsausdruck.
"Ich glaube, ich habe ihn in meiner Handtasche und die liegt zu Hause."
"Na toll. Und nun? Sollen wir den ganzen Weg noch einmal zurückfahren?"
"Vielleicht kann ich ihnen helfen?", meinte der Sicherheitsmann. "Ich habe Schlüssel für alle Büros im Haus."
"Oh, danke, aber sie kennen uns doch nicht. Wir möchten sie nicht in Verlegenheit bringen. Nein, wir werden unsere Schlüssel holen müssen."
Peter bekam einen schmerzhaften Tritt in die Hacken.
"Ich habe zwar meine Vorschriften, aber ich glaube, bei ihnen kann ich eine Ausnahme machen."
"Danke, sehr nett," sagte Kathrin, um zu verhindern, daß Peter ihr Spielchen noch weiter auf die Spitze trieb. Der Uniformierte lächelte freundlich und ging mit klimperndem Schlüsselbund voraus.
"Arbeiten Sie hier regelmäßig?", fragte Peter, als sie im Lift nach oben fuhren.
"Ja, ich bin bei einem Security-Service angestellt und bin sozusagen der Nachtwächter."
"Prima, dann laden wir sie hiermit zu unserer Einweihungsfeier in zwei Wochen ein."
"Vielen Dank, da komme ich gerne."
Der Lift stoppte, die Türen öffneten sich und gaben den Blick frei auf eine weitere Glastüre und dahinter einen kahlen, frisch renovierten Flur. Der Mann schloß auf und ließ die beiden eintreten.
"Danke, Herr ..."
"Friesch"
"Danke Herr Friesch," sagte Peter freudlich. "Sie können wieder nach unten gehen. Wir werden hier sicher eine halbe Stunde zu tun haben. Wenn wir fertig sind, melden wir uns bei ihnen ab."
Der Uniformierte nickte und fuhr mit dem Lift wieder zu seinem Arbeitsplatz hinunter.

Unschlüssig standen die beiden auf dem Büroflur. Wie sollten sie von hier aus in die Räume der Immobilienfirma kommen. Der Securitymann würde den Aufzug zweifellos hören. Eine Feuertreppe, die es mit Sicherheit geben mußte, hatten sie noch keine gesehen. Neugierig trat Kathrin durch die nächstgelegene Türe in eines der Büros. Es war vollkommen leer. Der Geruch von frischer Wandfarbe hing noch in der Luft. Das Licht der weihnachtlich geschmückten Schaufenster eines Kaufhauses gegenüber war so hell, daß man sogar die Farbklekse auf dem Teppichboden sehen konnte. Peter kam in den Raum und machte ein paar Schritte zum Fenster. Plötzlich fiel sein Blick auf den Fußboden vor einem der Heizkörper. Er ließ sich auf die Knie nieder und strich mit der Hand über den rauhen Teppich.
"Petra war hier," sagte er aufgeregt.
"Wie kommst du darauf?"
Kathrin eilte zu ihm und ließ sich ebenfalls auf den Fußboden sinken. Peter rubbelte etwas kräftiger über den Teppich und übergab ihr einige helle Staubflocken.
"Das ist Angora," stellte sie fest.
"Ja genau. Petra war heute ganz in Angora gekleidet."
"Petra ist immer in Angora gekleidet," korrigierte Kathrin.
"So lange kenne ich sie noch nicht, aber ich weiß, daß sie heute eine weiße Angorajacke trug. Und das hier," Peter rieb die Flusen zwischen seinen Fingern, "das ist eindeutig weiße Angorawolle."
"Du hast recht. Petra muß hier gewesen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Maler Angorakittel trugen, als sie die Büros renovierten."
Mit einem müden Lächeln lehnte Peter sich mit dem Rücken an die Heizung. Ein paar Sekunden lang hielten seine Jacke und der Angorapulli die stechende Hitze von seinem Körper fern. Dann schreckte er plötzlich auf.
"Heiß!", rief er und starrte wütend auf den Heizkörper, genau auf einige glänzende Kratzer im sonst makellosen Lack einer der Heizrippen. Offensichtlich hatten die Entführer seine Freundin an die glühende Heizung gefesselt, vermutlich mit Handschellen. Das grenzte schon fast an Folter. So dick wie Petra in Angorawolle eingepackt war, mußte sie sich wie ein lebendiges Kaninchen auf einem Grill vorgekommen sein. Peter schaute auf und wollte Kathrin von seiner Entdeckung berichten, doch er fand sich alleine im Raum. Im nächsten Moment hörte er, wie eine schwere Türe ins Schloß fiel. Hastig rappelte er sich auf und eilte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Auf dem Weg zum Ende des Flures schaute er in jedes Büro, doch Kathrin war nirgends zu entdecken. Hinter einer Ecke fand er schließlich eine massive Metalltüre, die er vorsichtig öffnete. Er stand vor einer Steintreppe in einem stockdunklen Treppenhaus.
"Kathrin?", rief er leise in die gespenstische Finsternis.
Keine Antwort. Unentschlossen machte er einen Schritt in das schwarze nichts. Mit einem dumpfen Knall schloß sich hinter ihm die Tür. Plötzlich konnte Peter die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Im nächsten Augenblick hatte er die Orientierung verloren. Mit ausgestreckter Hand und winzigen Schritten tastete er sich vorwärts bis er mit der Fußspitze an etwas hartes stieß. Es war eine Treppenstufe. Bald darauf hatte er das Geländer ertastet.
"Kathrin," rief er wieder, diesmal etwas lauter. Für eine Sekunde glaubte er eine Antwort gehört zu haben. Er lauschte eine Zeit lang in die Dunkelheit, dann tastete er sich weiter nach oben. In Gedanken zählte er die Stufen bis er nach 15 ins Leere trat und fast gestürzt wäre. Peter hatte die dritte Etage und die Büroräume der IS IMMOBILIEN erreicht. Obwohl er sich nun schon mehr als fünf Minuten im Treppenhaus befand, hatten sich seine Augen noch immer nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Er mußte sich weiter vorantasten, bis endlich das kalte Metall der Brandschutztüre zu spüren war. Im nächsten Moment mußte er enttäuscht feststellen, daß sich diese Türe nicht vom Treppenhaus aus öffnen ließ. Der runde Knauf in seiner rechten Hand ließ sich weder drehen, noch ziehen, noch irgend etwas anderes.
"Kathrin, verdammt noch mal," fluchte er im Flüsterton und machte sich weiter auf dem Weg die Treppe hinauf. Auch im nächsten Stockwerk versperrte ihm eine Feuertüre den Weg in die Büroräume. Weiter nach oben, macht das Sinn, fragte er sich in Gedanken und rammte sich das Treppengeländer in den Bauch. Leise fluchend und schimpfend stieg er weiter nach oben. Sein Respekt vor blinden Menschen wuchs dabei zunehmend. Was ihn seit wenigen Minuten schwer zu schaffen machte, mußten sie ein Leben lang erdulden. Wie erwartet war auch der Durchgang zu den Büros im fünften Stock versperrt. Also weiter. Peter machte einen Schritt vorwärts und trat auf etwas weiches. Ein ersticktes Quieken war zu hören. Ein Herzschrittmacher hätte diesen Schreck sicher nicht überstanden. Als er seine Hand wieder bewegen konnte, tastete er damit nach seiner Fußspitze und arbeitete sich millimeterweise nach vorne. Nach dem kalten Leder seiner Stiefel fühlte er plötzlich etwas haariges, sehr weiches. Er wurde etwas mutiger und kraulte das flauschige etwas. Die Zartheit und Weichheit von Angorawolle war unverwechselbar.
"Petra? Petra, bist du das?"
Wieder hörte er nur dieses erstickte Quicken, doch dieses Mal war es deutlich länger und klang weniger ängstlich.
"Petra!"
Peter ließ sich auf die Knie fallen und wühlte durch den kuscheligen Angoraflausch, der in diesem Moment besonders weich schien, bis er Petras Gesicht berührte.
"Sag doch was!" sagte er glücklich und streichelte das, was er für ihre Wange hielt. Doch seit wann hatte Petra ein kleines Backenbärtchen? Und Augen darunter! Seine Freundin antwortete mit einem unverständlichen Murmeln. Erst jetzt wurde ihm bewußt, daß man seine Freundin mit ihrem riesigen Schal geknebelt hatte. Hastig schob er ihn nach unten und küßte Petra mit einer gehörigen Portion Erleichterung und noch mehr Glück.
"Peter, bist du es?"
"Ja, ja ich bin da!", rief er erleichtert.
"Mein Gott, bin ich froh, daß du da bist. Wo bin ich und wie hast du mich gefunden?"
"Das erzähle ich dir später. Zuerst müssen wir weg von hier."
"Das geht nicht."
Als Petra ihre Hände schüttelte, hallte metallisches Klimpern durch das Treppenhaus. Sie waren mit Handschellen an das Geländer gefesselt. Die Freude über seinen Erfolg bei der Suche nach Petra wich tiefer Enttäuschung und Ratlosigkeit. Selbst bei Tageslicht hätte sich Peter schwer getan ein Paar Handschellen zu knacken. Bei absoluter Dunkelheit aber war es ein unlösbares Problem. Ihm war zum Heulen zumute, als er sich neben Petra auf den kalten Steinboden setzte und seinen Kopf an ihre weiche Schulter lehnte. Eine Ewigkeit später, in Wirklichkeit aber waren es nur Sekunden, drang von unten ein schwacher Lichtschimmer durch das Treppenhaus.
Ein leises "Hallo" drang nach oben. Dann, etwas lauter: "Hallo, Peter, kannst du mich hören?"
"Kathrin, ich bin hier oben, ganz oben am Ende der Treppe, und ich habe Petra gefunden."
"Was?", schrie Kathrin schrill.
"Ja, Petra ist hier bei mir. Es geht ihr gut, aber sie ist mit Handschellen ans Treppengeländer gefesselt."
"Bleibt wo ihr seid."
Was denn sonst, dachte Peter. Soll ich vielleicht die Kette durchbeißen? Die Türe fiel ins Schloß und die totale Finsternis hatte sie wieder.
"Kathrin? Ist das Frau Steegmann? Ist sie auch hier?"
"Ja. Zumindest war sie es bis gerade eben. Wir sind ein ziemlich gutes Detektivteam," witzelte Peter, obwohl im nicht gerade zum Lachen zumute war. Um Petra und auch sich selbst das Warten auf Kathrins Rückkehr zu verkürzen, erzählte Peter von ihrem Plan, der wilden Autojagt und dem Trick, mit dem sie die Verfolger abschütteln konnten. Er ließ nichts aus, auch nicht die Tatsache, daß er noch immer den kuscheligen, blauen Angorapulli trug, den ihm Petra am Vormittag aufgezwungen hatte.
"Wie gerne würde ich mich jetzt an dich kuscheln," sagte Petra und rüttelte mit den Handschellen.
"Wo bleibt Kathrin nur? Der Pförtner wird sicher mißtrauisch, wenn wir uns nicht bald bei ihm blicken lassen. Ich werde mal nach ihr sehen."
Gerade wollte sich Peter aufrappeln, als wieder ein Lichtschimmer ins Treppenhaus fiel. Gleich darauf tanzte ein kleiner Lichtkegel die Treppe herauf, zuerst sehr schnell und hektisch, dann wurde er immer langsamer, bis er fast stehen blieb.
"Ist ... es ... noch ... weit?" keuchte Kathrin.
"Nein, nur noch ein paar Meter," antwortete Petra begeistert.
Endlich oben angekommen hatte Kathrin gerade noch die Kraft, Peter ein paar Werkzeuge in die Hand zu drücken, dann fiel sie ihrer Cheffin um den Hals. Während die Frauen ein paar herzzerreißende Freudentränen vergossen, versuchte Peter zu ertasten, welche Werzeuge Kathrin mitgebracht hatte. Die Säge war leicht zu erkennen, und die Narbe würde ihn noch in Jahren an das gefährliche Erlebnis erinnern.
"Wenn ich euch mal stören dürfte," unterbrach Peter das Küssen und Schluchzen. "Wir müssen hier weg. Wer weiß wann die Entführer wiederkommen oder der Pförtner seine Runde macht."
Während Petra den Lichtkegel der Taschenlampe auf die Handschellen richtete, machte sich Peter zunächst mit einer ziemlich mickrigen Kneifzange daran zu schaffen. Bis auf ein paar kleine Kratzer konnte er dem gehärteten Stahl der Kettenglieder nichts anhaben. Die Säge war da schon effektiver, aber es dauerte. Peter sägte mit Höchstgeschwindigkeit, sein Arm brannte bereits wie Feuer, Petra zerrte in regelmäßigen Abständen an ihren Fesseln, aber die Kette gab nicht nach. Erst als das Kettenglied an zwei Stellen komplett durchgesägt war, konnte Petra ihre Arme endlich wieder frei bewegen. Glücklich umarmte sie Peter und Kathrin und bedankte sich bei beiden mit einem Kuß auf die Wange.
"Beeilen wir uns," mahnte nun Kathrin, richtete die Taschenlampe auf die Treppe und machte sich auf den Weg. Peter mußte seiner Freundin auf die Beine helfen und beim Treppensteigen stützen, hatte sie doch stundenlang gefesselt auf dem Boden gekauert. Als sie im zweiten Stock angekommen waren, sah Peter, daß die selbstschließende Feuertüre mit einem Keil vor dem Zufallen gesichert war. Clevere Kathrin. Hätte sie nicht daran gedacht, wären nun alle drei unweigerlich im kalten und dunklen Treppenhaus gefangen gewesen.
Sogar das sanfte Licht des Büroflurs blendete und tat in den Augen weh. Petra hatte die Augen zusammengekniffen und sah erbärmlich aus. In ihrem Gesicht konnte man lesen, wie schrecklich die ungewissen Stunden in der Hand der Entführer für sie gewesen sein mußten. Doch noch war nicht die Zeit, sich zu erholen. Plötzlich setzte sich der Aufzug in Bewegung und fuhr nach unten.
"Der Pförtner," stellte Peter erschreckt fest.
"Oder die Entführer," gab Petra zu bedenken. "Sie wollten mir gegen Abend etwas zu essen bringen. Wieviel Uhr ist es?"
"Kurz nach sechs," antwortete Kathrin. In Ihrer Stimme war ein Anflug von Panik zu hören. Der Aufzug war bereits wieder unterwegs. Ratlos schauten sich die drei an, dann ergriff Peter die Initiative.
"Verstecken wir uns," befahl er und schob die Frauen in den Raum hinter der nächstgelegenen Tür. Es war ausgerechnet die Damentoilette, was Petra unmittelbar daran erinnerte, daß sie nach mehreren Stunden auf dem kalten Steinboden ein äußerst dringendes Bedürfnis plagte. Sie verzog sich in eine der Kabinen, während die beiden anderen auf den Flur lauschten. Der Aufzug hatte gestoppt. Gebannt starrten sie auf den Lift. Er öffnete sich mit einem leisen Zischen und heraus trat der Securitymann. Einen Augenblick blieb er stehen, schaute sich um, dann machte er sich in ihre Richtung auf den Weg.
"Nicht spülen," flüsterte Kathrin, doch da rauschte es auch schon so laut wie ein Wasserfall. Der Pförtner horchte auf und beschleunigte seine Schritte.
"Tut mir leid, das mache ich aus Gewohnheit."
"Schon gut," antwortete Peter, trat hinaus auf den Gang und tat so, als würde er sich den Hosenladen schließen. Er stieß fast mit dem Pförtner zusammen.
"Wo stecken sie denn?" maulte der.
"Wir sind gerade fertig geworden. Es tut mir leid, daß es so lange gedauert hat. Nur noch eine Frage: Wo führt die Feuertreppe nach draußen?"
"Es gibt eine Feuertüre zum Hinterhof."
"Sie kontrollieren hoffentlich immer, ob die Tür gut verschlossen ist."
Der Securityspezialist fiel prompt auf Peters Fangfrage herein.
"Eine Brandschutztüre darf nicht abgeschlossen werden, aber sie läßt sich nur vom Treppenhaus aus öffnen.
"Ach richtig," sagte Peter, schlug sich auf die Stirn und hoffte, daß Petra den Wink verstanden hatte. Sie mußte sich heimlich über das Treppenhaus aus dem Gebäude schleichen, denn wie hätte man dem Pförtner sonst erklären können, warum er nur zwei Personen ins Haus gelassen hatte, dann aber drei wieder hinaus wollten.
Nun kam auch Kathrin aus der Damentoilette und zwinkerte Peter zu.
"Können wir gehen?", fragte der.
"Von mir aus."
Der Securitymann war sichtlich erleichtert und eilte voraus zum Lift. Schweigend fuhren sie ins Erdgeschoß. Kathrin und Peter bedankten sich höflich, verließen das Bürogebäude, setzten sich in ihren Opel und fuhren davon. Doch sie kurvten nur einmal um den Block und hielten direkt vor der Einfahrt zum Hinterhof. Petra wartete schon. Obwohl sie sich in den schützenden Schatten einer Hauswand, verzogen hatte, war sie deutlich zu sehen. Ihr helles Angoraoutfit schien eine eigenartige Leuchtkraft zu haben. Sie reagierte nicht auf den weißen Opel. Erst als Peter aus dem Wagen stieg und ihr "Nun komm schon" zurief, traute sie sich in das helle Licht der Straße. Peter ließ sie vorne einsteigen, nahm selbst hinten Platz und saß kaum, da gab Kathrin Gas.

<weiter>