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Entführung in Angora

Kapitel 1

Unschüssig stand Peter vor dem beeindruckenden Portal des Sporthotels und fragte sich, was er eigentlich hier verloren hatte. Sicher, er war Gast bei einer Hochzeitsfeier, die Einladung dazu hatte er ja schließlich in der Tasche. Aber warum war er eingeladenworden? Nur die wenigsten Leute, die durch den Eingang spazierten, hatte er schon einmal gesehen oder wußte gar die Namen. Im Grunde kannte er niemanden gut genug, um eine ausgelassene und fröhliche Hochzeitsparty zu feiern. Er, der chronische Single, sah sich im Geiste schon gelangweilt an einem Tisch sitzen, während sich alle anderen Gäste auf der Tanzfläche vergnügten. Sein Arbeitskollege Georg hatte es bestimmt gut gemeint, als er ihn zu seiner Hochzeit einlud, aber einen Gefallen tat er ihm damit nicht, ganz und gar nicht. Peter bereute es, daß er sich nicht wie so oft mit einer Ausrede entschuldigt hatte. Nun war es zu spät. Sein einziger Trost war, daß Georg und - wie hieß doch gleich seine Braut? Sabrina? - nicht im Hochsommer heirateten, wie so viele andere Paare, sondern im Dezember, ein paar Tage vor Weihnachten. Einen heißen Tag im dunklen Anzug hätte er nie und nimmer durchgestanden.

Mir einem tiefen Seufzer setzte er sich in Bewegung, trat hinter einem eng umschlungenen Pärchen durch den Hoteleingang ins Foyer und befand sich plötzlich inmitten einer Menge festlich gekleideter, lachender und lärmender Menschen. Einen Augenblich später bekam er ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Fast schon ein wenig verzweifelt schaute er sich nach bekannten Gesichtern um. Er entdeckte Hans aus der Kundenbetreuung. Die hübsche Rothaarige mußte seine Frau Margit sein. Gerade wollte Peter auf seinen Kollegen zugehen, da bat der Bräutigam zu Kaffee und Kuchen in den Festsaal. Wie beim Sturm auf die Wühltische beim Winterschlußverkauf drängten die Leute durch eine Doppeltüre und gingen zielstrebig zu ihren Tischen. Woher konnten sie wissen, wo ihr Platz war, fragte sich Peter. Dann entdeckte er einen großen Plan, der direkt neben dem Geschenktisch aufgehängt war. Peter suchte seinen Namen und fand ihn schließlich ganz rechts oben auf dem Plan. Er laß die Namen seiner Tischn!
achbarn und mußte feststellen, daß er wie erwartet den Abend mit ihm völlig unbekannten Leuten verbringen mußte. Nach einem erneuten Seufzer legte er verschämt sein kleines Geschenk hinter eine sehr große und sehr scheußliche Porzellanvase und ging zu seinem Tisch. Bis auf zwei Stühle war bereits alles besetzt. Höflich stellte er sich vor und ließ sich auf seinen Platz nieder.

Im Saal wurde es ruhiger. Offenbar wartete alles auf eine Begrüßungsrede des Gastgebers. Peter, der wie bei solchen Gelegenheiten üblich mit dem Rücken zum Geschehen saß, konnte nicht sehen, was hinter ihm passierte. Stattdessen spielte er mit seinem Namenskärtchen. Der Stuhl neben ihm war noch immer leer. Eine Petra List sollte seine Tischdame sein. So stand es zumindest auf dem Kärtchen. Er kannte sie nicht, der Name war ihm völlig fremd. Peter und Petra, das hätte gepaßt, dachte Peter. Aber wahrscheinlich war sie cleverer als er und hatte sich noch rechtzeitig eine Ausrede einfallen lassen, um nicht auf dieser Hochzeit erscheinen zu müssen. Peter widmete sich wieder seinem Tischkärtchen. Plötzlich wirbelte etwas hellblaues, pelziges vor seinen Augen herum. Der freie Stuhl wurde zurückgezogen und jemand trat an den Tisch.
"Hallo, ich bin Petra List," sagte eine leise Stimme.
Neugierig schaute Peter auf und hatte im selben Augenblich das Gefühl, im Himmel zu sein. Neben ihm stand ein Engel, eingehüllt in ein unbeschreiblich flauschiges Cocktailkleid aus schneeweißer Angorawolle. Ihre Schultern wurden von einer nicht minder kuscheligen, hellblauen Angorastola umschlungen, die so riesig war, daß man sie problemlos als Decke hätte verwenden können. Ihre langen, blonden Haare fielen in großen Locken auf ihre weichen Schultern und schienen dort im tiefen Flausch zu versinken. Nur so konnte ein Engel aussehen. Peter mußte heftig gegen das Verlangen ankämpfen, sie anfassen zu wollen, seine Hände in den verführerischen Angoraflausch zu graben. Doch Petra sorgte von ganz alleine dafür, daß er wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde in den Genuß des weichen Angoraflausches kam. Während sie sich auf ihren Stuhl niederließ, glitt eine Ecke der kuscheligen Stola über seine Hand. In Peters Unterleib begann es zu rumoren, und er wollte mehr. Er mußte sie ein!
fach berühren, den dichten Angoraflausch durch seine Finger gleiten lassen und sich eng an sie kuscheln. In Gedanken nannte er es "die Begegnung der dritten Art". Doch er fand nicht den Mut dazu, noch nicht.

Während die Gäste bei Kaffee und Kuchen saßen, entwickelte sich ein zaghaftes Gespräch zwischen Peter und Petra. Man erkundigte sich gegenseitig nach den Berufen - Petra hatte vor wenigen Wochen erst die kleine Elektronikfirma ihres Vaters übernommen - und interessierte sich für die Beziehungen zum Brautpaar. Petra war eine ehemalige Studienkollegin von Sandra, der Braut. Zum Glück hatte Peter noch keine Gelegenheit gehabt, um sie anzusprechen, sonst wäre ihm womöglich "Sabrina" herausgerutscht. Er dachte noch an die peinliche Situation, die hätte entstehen können, als Georg um Ruhe für eine längst erwartete Ansprache bat. Im selben Moment drehte Petra ihm den Rücken zu. Jetzt oder nie, dachte Peter. Wie zufällig rutschte seine Hand näher an Petras flauschigen Ellbogen. Nur noch wenige Zentimeter! Doch wieder verließ ihn der Mut. Feigling, dachte er und beschränkte sich darauf, ihr herrlich weiches Kleid nur mit den Augen zu genießen.

Von der Rede des Bräutigams, wie auch den vielen Ansprachen und Vorführungen, die während des Abends noch folgten, bekam Peter so gut wie nichts mit. Immer wenn Petra sich zur Bühne drehte, hing sein Blick auf ihrem kuschelweichen Rücken. Bei jedem Klatschen oder Lachen wogte der dichte Flausch sanft hin und her. Er konnte sich nicht sattsehen. Darum war Peter unendlich enttäuscht, als der Saal abgedunkelt und zum Tanz aufgefordert wurde. Was hätte er für eine weitere langweilige Rede gegeben. Innerhalb kürzester Zeit saßen die beiden alleine am Tisch. Die laute Musik machte eine Unterhaltung praktisch unmöglich. So begann Peter wieder mit seinem Tischkärtchen zu spielen.
"Gute Musik, oder?", schrie Petra plötzlich, um die Kapelle zu übertönen.
"Och ja, nicht schlecht."
"Kannst du tanzen?"
"Es geht," antwortete Peter, " und du?"
Petra zuckte mit den Schultern.
"Sollen wir es trotzdem versuchen? Möchtest du tanzen?", wollte Peter wissen und konnte kaum glauben, was da gerade gesagt hatte. Er war doch sonst nicht so couragiert. Ohne zu antworten rutschte Petra ihren Stuhl zurück und erhob sich langsam. Im Gegensatz dazu schoß Peter wie eine Rakete in die Höhe. Tollpatsch, der er war, stieß er dabei mit dem Knie so heftig an den Tisch, daß das Klirren der Gläser sogar die Kapelle für eine Sekunde aus dem Takt brachte. Petra stand dabei und grinste. Ganz ruhig, dachte Peter, ganz ruhig. In gebührendem Abstand gingen die beiden nebeneinander zur Tanzfläche. Dort drehte sich Petra zu ihm und wartete darauf, in die Arme genommen zu werden. Peter zitterte. Jetzt durfte er sie anfassen! Was wird das für ein Gefühl sein, fragte er sich aufgeregt.
"Worauf wartest du?", wollte Petra wissen und streckte ihm die Arme entgegen.
"Oh, äh, ich ... ich überlege was das für ein Tanz ist," schwindelte Peter.
"Slow Fox, glaube ich."
Auch das noch, dachte Peter, machte einen entschlossenen Schritt auf sie zu, ergriff ihre linke Hand und legte seine linke vorsichtig um ihre Hüften. Warmer, unbeschreiblich weicher und tiefer Angoraflausch umschmeichelte seine Finger. Ganz automatisch streichelte er ein paar Mal hoch und runter. Es war ein wahres Erlebnis. Doch Petra setzte noch einen drauf. Sie legte ihre rechte Hand nicht auf seinen Arm, so wie es sich gehörte, sondern umschlang seinen Hals, sodaß seine Wange auf ihrem kuscheligen Oberarm lag. Es war ein Rausch der Sinne. Vor allem seinen kleinen Freund unterhalb der Gürtellinie schien dieses sanfte Kitzeln zu Höchtleistungen zu stimulieren. Aus dem kleinen Feigling war ein mächtiger Kerl geworden. Hoffentlich merkt sie nichts, bangte Peter und versuchte, sich ein wenig mehr auf das Tanzen zu konzentrieren. Es gelang ihm ganz gut, nur seine rechte Hand wollte ihm nicht so recht gehorchen. Sie streichelte unablässig Petras flauschigen Rücken.
"Gefällt dir wohl," flüsterte Petra laut in sein Ohr.
"Ja, prima Musik."
"Ich meine mein Angorakleid."
Peter antwortete nicht, aber sein genießerischer Gesichtsausdruck verriet, daß Petra ihn ertappt hatte. Sie kuschelte sich noch ein klein wenig enger an ihn. Auch die Kapelle schien es gut mit ihm zu meinen und spielte gleich drei langsame Titel hintereinander.

Doch auch der schönste Traum nimmt einmal ein Ende. Das dachte Peter, als der Bandleader einen "fetzigen Rock'n'Roll" ankündigte und Petra seine Hand los ließ. Ihr Arm glitt von seinen Schultern, ein letztes Mal spürte er den superweichen Angoraflausch an seiner Wange vorbeigleiten. Schade. Noch wußte er nicht, daß dieser Traum erst begonnen hatte.
"Rock'n'Roll kann ich nicht tanzen," entschuldigte sich Petra. "Außerdem brauche ich dringend frische Luft. Hast du Lust, mich nach draußen zu begleiten?"
Peter nickte heftig mit dem Kopf. Plötzlich machte Petra einen Schritt zurück und verzog ihr Gesicht.
"Oh Gott, dein Anzug."
"Du fusselst ein bißchen," sagte Peter und schnipste ein paar Häärchen von seinem dunklen Jacket. "Aber das war's wert."
Mit einem beschämten Lächeln bedankte sich Petra für das Kompliment und hakte sich bei ihm ein.

Während drinnen die Kapelle Elvis Konkurenz machte, spazierten die beiden nach draußen. Eisige Luft verschlug ihnen fast den Atem, als sie durch eine Seitentür in den winterlichen Hotelgarten traten. Das fahle Mondlicht beleuchtete die kahlen Pflanzen und schaffte eine gespenstische und doch romantische Atmosphäre. Petra zog die riesige Stola über den Kopf und wickelte sich fest ein. Nun sah sie noch attraktiver aus, als sie es ohnehin schon war. Petra, die wunderschöne, junge Frau in einem Traum aus kuschelweicher Angorawolle schien von einer leuchtenden Aura umgeben. War sie vielleicht wirklich ein Engel? Peter suchte nach einem Kompliment, doch er fand keines, das auch nur annähernd das beschreiben konnte, was er empfand. Also schwieg er und genoß einfach nur den schönen Moment.

"Ich möchte nach Hause," sagte Petra irgendwann. "Es ist spät, ich bin müde und außerdem ist mir entsetzlich kalt."
"Wirklich?"
Die Enttäuschung in Peters Stimme war unüberhörbar. Doch bevor er noch versuchen konnte, um sie zum Bleiben zu überreden, hakte sie sich wieder bei ihm ein und drängte darauf, ins Hotel zu gehen. Auch für Peter gab es nun keinen Grund mehr, länger zu bleiben. Gemeinsam verabschiedeten sie sich vom Brautpaar, bedankten sich höflich für die Einladung und schlenderten dann zur Garderobe.
"Kann ich dich nach Hause fahren?", fragte Peter, während Petra die Reihen der
Garderobenständer absuchte.
"Nein, danke. Ich bin mit dem eigenen Auto da."
Sie zog die Augenbrauen hoch, griff zwischen die Mäntel und zog einen sündhaft teuren, weißen und voluminösen Pelzmantel hervor.
"Hälst du mal?", fragte sie und legte den Mantel in seine Arme.
Auch schön weich, dachte er und steichelte über das dichte Fell. Petra nahm ihre Stola von den Schultern, faltete sie einmal der Länge nach und wickelte sie dann mehrfach um ihren Kopf. Die Enden verknotete sie locker unter ihrem Kinn. Dann ließ sie sich von Peter in den warmen Pelzmantel helfen. Schließlich kramte sie in den Manteltaschen, brachte ein Paar dicke, hellblaue Angorahandschuhe zum Vorschein und streifte sie über.
"Ist was?", fragte Petra.
"Du siehst großartig aus," antwortete Peter.
"Danke sehr. Und du bist ein lieber Kerl. Ich fände es sehr schade, wenn wir uns nicht wiedersehen würden. Was meinst du?"
"Geht mir auch so. Wir könnten uns ja mal zum Essen verabreden."
"Ich habe eine bessere Idee. Morgen ist Sonntag. Ich hätte Lust, einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Vorausgesetzt du hast Zeit, dann begleite mich doch."
"Das würde ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen. Ich hole dich ab."
"Sagen wir um zehn?"
Peter nickte heftig. Damit hätte er in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet.

Zum Abschied bekam Peter sogar einen kleinen Kuß auf die Wange, ein paar Streicheleinheiten durch die flauschige Stola und eine Visitenkarte mit ihrer privaten Adresse. Petra stieg in ihr BMW Cabrio, winkte ihm zu und brauste davon. Peter schaute ihr noch nach, als sie schon längst hinter der nächsten Kurve verschwunden war. Gleich würde er aufwachen und merken, daß alles nur Phantasie gewesen war. Wie in Trance fuhr auch er schließlich nach Hause. Kaum hatte er die Wohnungstüre hinter sich geschlossen, ging er auf dem direkten Wege ins Schlafzimmer. Ziemlich achtlos ließ er seine Klamotten auf den Fußboden fallen und kroch unter seine Decken. Die flauschige Schlafdecke, die er während der kalten Monate im Bett hatte, war zwar nur ein kläglicher Ersatz für Petra, aber trotzdem kuschelte er noch einen Moment damit, bevor er einschlief.

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